#60
 
 

Ach, Dietl

by David Baum

Einmal hat jemand Helmut Dietl ins Ballhaus Ost mitgeschleppt, wo ich irgendeinen Bühnenunsinn aufgeführt habe. „Das Helmut Berger-Komplott“ hieß der Abend. Die wunderbare Staatsschauspielerin Dagmar von Thomas las aus Helmut Bergers Memoiren und ein paar Ballhaus-Schauspieler und ich hatten Liedtexte und Gedichte dazu vorgetragen, die etwas über die großen Schwierigen der Welt erzählen sollten. Du weißt schon, was man halt so macht in Berlin. Jedenfalls sprang Dietl auf, verließ genervt den Saal auf sagte dabei recht laut: „Die Alte ist toll, den Rest kannst in der Pfeife rauchen.“

Im Sommer saß Dietl mit Entourage an meinem Nebentisch vor dem „Backerl“. Das Café und Weinlokal ist berühmt für die Schwabinger Existenzen, die vor ihm rumsitzen. Wie jeden Tag hatte ein mit Leinenanzug und grauee Mähne Platz genommen, dessen Lebenskonzept zu sein scheint, mit Peter Handke verwechselt zu werden. An einem anderen Tisch eine Dame, die von uns anderen Stammgästen „Pippi Langstrumpf in Rente“ genannt wird. Sie ist etwa 60 und trägt mädchenhafte Ringelstrümpfe sowie auffällige Hüte, an diesem Tag war es ein arabischer Fes mit Bommel. Neben ihr saß ein türkisches Mädchen, dem sie – so war der Unterhaltung zu entnehmen – Nachhilfeunterricht erteilte. „Neulich hat mein Psychoanalytiker gsagt, dass ihm aufgfallen sei, dass ich über Dich viel liebevoller berichte, als über die anderen Kinder. Ist das nicht toll?“, sagte Frau Pippi. Das türkische Mädchen schaute ängstlich. An einem anderen Tisch telefonierte eine verwucherte Frau mit hennagefärbtem Urwaldhaar mit ihrem offenbar jüngerem Liebhaber: „Nein Angelo, Angelo, lasst Du mich jetzt auch amoi ausreden, Angelo unsere sexuelle Beziehung hat rein gar nix damit zu tun, dass ich Dich unterstütze in Deiner künstlerischen Arbeit…“ Kurzum: ein ganzer Gastgarten voll mit klassischen, herrlichen, absurden Dietl-Film-Charakteren. Aber Dietl war ganz versunken. Ich dachte bei mir: Schade, dass er diese Figuren, die offenbar nur existieren, um ihn zu neuen genialen Rollen zu inspirieren, nicht mehr erkennen will. Stichwort Zettl.

Gestern las ich, dass Dietl an Lungenkrebs erkrankt sei. Dann lief ich zu einem Zahnarzttermin und plötzlich kam er mir entgegen. Dietl schlenderte mit seinem semmelblonden Labrador die Schwabinger Kaiserstraße entlang. Wir haben uns nie wirklich kennen gelernt, also gingen wir grußlos aneinander vorbei. Irndwas war dann aber doch. Einige Meter weiter drehte ich mich um – und gerade da hatte auch er sich nach mir umgedreht. Vielleicht dachte er, ist das nicht dieser Versager, der mit der tollen alten auf der Bühne war. Oder, oje, der denkt sicher, dieser arme Mann, der hat krebs. Ich nickte ihm zu und und er nickte glaube ich ebenfalls. Dann gingen wir weiter.

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