Am 1. April 1944 wurde der Bahnhof der Schweizer Stadt Schaffhausen durch die US Air Force bombardiert. Ein Versehen; darauf einigte man sich auf beiden Seiten. Der Bahnhof war halb Schweizer Bahnhof, halb Deutscher Bahnhof und in mancher Nacht hatten deutsche Züge (beladen auch mit Waffen) den Bahnhof passiert.
Man blieb dabei; die Bombardierung war ein Versehen.
40 Todesopfer, viele Verletzte, der Bahnhof zum grossen Teil in Schutt und Asche. Bombentreffer in der ganzen Altstadt und auch eine Fabrik, die Gussteile und Stahl verarbeitete, wurde getroffen.
Sie hatte einen früheren Zug genommen, war bereits in Zürich, niemand der Familie wusste davon; an diesem Tag machte sie ihr Konzertdiplom. Hätte ihre Mutter es geahnt, sie wäre Tage zuvor schon in eine Nervosität verfallen, die alle Alltäglichkeit verhindert hätte. Ein Telefonanruf am Nachmittag brachte Erleichterung und die freudige Nachricht: Bestanden. Hayden Violinkonzert G-Dur.
Es gab bereits Anzeichen, die sie aber übersah. Im Jahr darauf brach die Krankheit in einem heftigen Schub aus; chronische Polyarthritis. Sie konnte nie mehr Geige spielen. Monatelang lag sie nur noch. Befallen waren beinahe alle Gelenke, die über die Jahre versteiften und ihre Hände deformierten. Ich kannte sie nur so; als sie mich zur Welt brachte, war sie seit zwanzig Jahren krank.
Mit 57 kaufte sie eine Geige; die Geige, die sie sich als junge Frau nie hätte leisten können und jetzt nie spielen konnte. Eine französische Geige, Aldric, Paris 1826. Seit meine Mutter im August 2004 in Schaffhausen gestorben ist, lag die Geige zuoberst in einem Schrank im Haus auf dem Land bei Berlin. Ab und zu dachte ich an die Geige, dann wieder war sie für mehr als ein Jahr aus meinen Gedanken. Nach einem Wassereinbruch nahm ich sie nach Berlin und da lag die Geige nun wieder unberührt in ihrem engen Kasten für mehr als zwei Jahre.
Heute, am 11. Dezember, wird ein junger Musiker, Student der Hochschule für Musik Hanns Eisler, die Geige spielen; er soll sie kennen lernen. Ein Professor der Hochschule, bei der Geigenbauerin zu Besuch, hatte von meiner Idee erfahren, das Instrument jemandem zur Verfügung zu stellen, der sich so ein Instrument noch nicht leisten könnte und hatte sofort diesen jungen Mann aus Ägypten im Sinn.