Neben mir steht jener Mann, den ich auf der anderen Strassenseite aus einem Wagen hatte steigen sehen ohne ihn weiter zu beobachten, denn gewartet habe ja ich auf einen Wagen in der Hotelvorfahrt.
Sein Gang ist unsicher und langsam, das war mir aufgefallen.
– Kommen sie, meine Frau wartet im Wagen, sie ist nicht gut zu Fuss.
Als wir die Strasse überqueren gehe ich langsam neben ihm, meinen rechten Arm hinter seinem Rücken erhoben, bereit ihn aufzufangen falls er stürzen würde, versuche aber, mir die Bereitschaft in Angst nicht anmerken zu lassen. Zwei mal strauchelt er, wie durch ein Wunder ohne zu fallen. Meine erschreckten Zuckungen hat er nicht bemerkt, oder er ist sich gewohnt, dass wer neben ihm hergeht bangt.
– Mein Wagen, bitte, steigen sie ein.
Es ist ein amerikanischer Wagen, ein riesiger Wagen. Im Fond versunken sitzt eine kleine Person; mir also ist der Sitzplatz neben dem Fahrer zugedacht.
– My wife.
Der Versuch, während des Einsteigens mich dem Rücksitz zuzuwenden, um sie zu begrüssen, misslingt. Sie sieht mein Gesicht nicht, ich rede über das Autodach hinweg ins Blaue. Im Wagen sitzend erst ist eine vernünftige Begrüssung machbar ohne Slapstick. Sie erwidert meinen Gruss kaum hörbar.
– Wir haben ein kleines Lokal vorgesehen, Tee, Kaffee, und es gibt guten Kuchen dort, schönes Gebäck, ist es ihnen recht? Kuchen, Kaffee?
– Sehr gerne…
Ich antworte an seine Frau gewendet, als hätte sie und nicht er die Frage gestellt.
– Manche Winter hier sind hart, Schnee und wochenlang Minusgrade, ab und zu regelrechte Schneestürme, arktische Schneestürme. Dieser Winter ist nicht sehr schlimm, bis jetzt nicht.
Offenbar hat er dann, nachdem er losgefahren ist, etwas übersehen, hat in den Augen seiner Frau den falschen Weg eingeschlagen oder einen Umweg, jedenfalls von der Rückbank kommt ein Kommentar, englische Worte in tadelndem Tonfall, er aber schüttelt den Kopf.
– Wir sind oft in dem Lokal, denn der Weg ist nicht weit, also sind wir da auch im Winter, wenn die Strassen schneefrei sind und ohne Eis. Aber es wird beschwerlicher von Jahr zu Jahr.
Er fährt langsam, sitzt abwesend am Steuer, der grosse Wagen federt mich seifig in samtiges Polster. Auf gerader Strasse geht es vorbei an dunklen Backsteinhäusern, vergrünte Kupferdächer über Erkern, im Hintergrund zu sehen die Hochhäuser der Stadt. An einer Strassenecke stoppt er den Wagen.
– Wenn sie meine Frau vielleicht begleiten, es ist gleich hier, das Haus dort drüben, ich suche einen Parkplatz und komme nach.
Manchen Winter schon stapft dieser alte Mann in Boston durch Schneewälle am Strassenrand, geht unsicheren Schrittes auf eisigen Gehwegen, ohne dass ich eine Ahnung davon hatte; jetzt plötzlich begleitet von meiner Sorge.
– Wir haben ihren Brief erhalten.
Das sagt seine Frau, als er weggefahren ist, um einen Parkplatz zu finden. Ich reiche ihr meinen Arm, wir gehen langsam auf den Eingang des Cafés zu. Wenn sie spricht, bleibt sie stehen, den Blick geradeaus.
– Er hat sich sehr gefreut, er hat nie wieder… Sind sie das erste mal in Boston?
Ihr die Türe aufzuhalten, es geht nicht ohne den Arm unelegant weit auszustrecken, denn ich will mich nicht von ihr lösen, nicht vor ihr hergehen. Drinnen setzen wir uns an einen Tisch mit Sicht auf eine lange Glasvitrine; Kuchen, farbenfrohe Torten und Gebäck.
Es dauert nur wenige Minuten bis ihr Mann wieder dazukommt; es wird kein langes Schweigen.
– Direkt um die Ecke habe ich einen Parkplatz gefunden, was für ein Glück, manchmal sucht man ewig.