#60
 
 

BerlinBostonBerlin3

by Clemens Tissi

 

Der Kellner sagt; Claude, how are you. Beth, you look great.

Die beiden bestehen darauf; ich soll mir etwas aus der langen Vitrine aussuchen, wollen selber aber nichts essen. Das Gebäck sei köstlich, wiederholen sie mehrmals. Als ich vor der Vitrine stehe zeige ich blind auf ein Blätterteiggebäck mit rotem Guss. Eigentlich ist mir nicht nach essen zumute.

Zurück am Tisch lächle ich wortlos, jedoch es gibt keinen Aufschub. Ich habe zu antworten.

–           Sie haben also das Haus gekauft? Wann haben Sie das Haus gekauft?

–           Vor zwei Jahren…vor drei Jahren, ist es schon so lange her?

–           Mein Vater hat es in den zwanziger Jahren gebaut, ich war sieben oder acht. Der Ort heisst immer noch Kalkberg oder Kalk­berge? Sie haben geschrieben, dass sie Archi­tekt sind?

–           Ja, Architekt, ich bin Architekt.

–           Dann haben sie ja bestimmt das Haus sofort erkannt, ich meine das Haus eines Architekten. Ein schönes Haus, ein modernes Haus. Haben sie umgebaut? Das Haus wurde bestimmt umgebaut, mehrmals nehme ich an, es ist lange her.

–           Kaum, vieles ist, nein beinahe alles ist im Ori­ginalzustand. Ich habe das Dach, den flachen Teil des Daches erneuert, ein Wasserschaden und verklebte Teppiche mussten herausgerissen werden und Lagen von Tapeten. Nicht aber das Haus an sich, ich meine, den Entwurf habe ich nicht verändert und der wurde auch nie verändert all die Jahre zuvor; das Haus ist das Haus ihres Vaters.

–           Die Gegend war reich an Gewässern, Seen und Kanäle, ich erinnere mich, man kam mit dem Schiff aus Berlin bis nach Kalkberge. Ich erinnere mich an die Dampfschiffe; Dampf­schiffe auf dem Ka­nal vor dem Grundstück.

–           Die Schiffsverbindung mit Ber­lin gab es noch bis vor wenigen Jahren.

–           Im Sommer bin ich viel geschwommen, direkt vom Grund­stück aus konnte man ins Wasser springen, es gab einen Steg, das Wasser nicht sehr tief, tief genug aber für einen Kopfsprung.

–           War ihre Familie jedes Wochenende im Haus, auf dem Land, auch im Winter?

–           Das weiss ich nicht mehr, jedenfalls, es gab eine Heizung im Haus.

–           Das Grundstück ist schön auch im Win­ter. Im ersten Winter erschien es mir kahl, ich sah nur das Fehlen der Blätter an Bäumen und Sträuchern und erwartete sehnsüch­tig den Frühling. Dann im zwei­ten Winter hatte ich Erinnerungen an den ersten Winter und im darauf folgenden Herbst, da erwar­tete ich den Winter schon sehnsüchtig; Raureif auf dem Rasen, tief­stehend die Winter­sonne, Schnee, der den ganzen Garten räumlich verändert.

–           Einmal sind wir, meine Frau und ich, wir sind nach Florida gefahren im Winter, in die Wärme, in die Sonne. Dort aber hat mir die Kälte ge­fehlt, vor der ich ja nach Florida entrinnen wollte. Der Erfolg dieser Reise war die Erkenntnis eines Verlustes; hätte es die ganze Zeit geregnet in Florida, ich hätte geglaubt Florida gefalle mir nicht, anstatt zu bemerken, wonach ich mich eigentlich sehnte; die Winter meiner Kindheit.

–           Sie waren nie mehr in Europa?

–           Doch, wir waren in London, meine Frau hat in London gelebt, sie war nach Lon­don geflüchtet, wir sind vor sechs Jahren gemeinsam nach London gereist und wir waren in Florenz, einmal, dann in Rom, eine Italienreise.

–           Als ich den Namen des Architekten er­fuhr, habe ich sofort nach anderen Bauten von ihm gesucht. Was ich gefunden habe; es gibt ein paar Bauten ihres Vaters in Berlin, aufgeführt in einer Liste der Bau­denkmäler.

–           Es existieren noch Bauten meines Va­ters? Nicht alles ist zerstört, niedergeris­sen? Ich habe Fotografien gesehen, Berlin nach dem Krieg; alles Ruinen. Später dann sah ich Foto­grafien von Neubauten zwischen Fragmenten.

–           In Berlin existieren noch einige Bauten, ja. Hat er viel gebaut hier, in Amerika, in Boston?

–           Sein Büro hat einige Schulhäuser ge­baut. Und Wohnhäuser, Appartementhäuser hauptsächlich. Für grosse Unternehmen, kaum Privataufträge, nicht viel kleines, soviel ich weiss. Sie waren zuerst zwei Partner, dann drei, das Büro ist schnell gewachsen.

–           Hat er nochmals für die Familie gebaut?

–           Eine zeitlang hatten meine Eltern ein Haus auf Cape Cod. Es war ein altes Haus, ein Holzhaus, mein Vater hat es umgebaut, nicht viel, nur einige Änderun­gen, das Nötigste, aber meine Eltern ha­ben das Haus bald wieder verkauft, nach zwei oder drei Jahren, freiwillig. Rund um das Haus stand der Wald, die nächs­ten Nachbarn wa­ren auch durch die Bäume nicht zu sehen, hingegen der At­lantik. Ein einsames Haus.

Ob das Haus zu ähnlich war oder zu anders; das frage ich nicht.

Seine Frau schweigt die ganze Zeit, jedoch sie beobachtet ihn von der Seite; wie er spricht und wie er mir zuhört, wie er einen Schluck Kaffee nimmt, die Tasse danach auf den Tisch stellt.

–           Unser Sommerhaus wurde verkauft, da­mals. Man nannte das Verkauf, aber das war kein Verkauf. Der neue Besitzer musste den Kaufpreis auf ein Konto überweisen auf das meine Eltern keinen Zugriff hatten. Und es wur­den plötzlich Steuern fällig, neu erfundene Steuern und diese Steuern wurden vom Kaufpreis abgezogen und das wenige, das übrig blieb, blieb auf dem Konto und blieb dort, bis die keinen Grund mehr sahen, das Konto aufrecht zu erhalten und damit den Schein, alles würde mit rechten Dingen her und zu gehen und so verschwand auch der letzte Rest Geld.

–           Haben sie irgendwann versucht..?

–           Nach dem Fall der Mauer, da war ich plötzlich nochmals Erbe meiner längst verstorbener Eltern. Und wieder gab es neue Gesetze und eigenartige Bestimmun­gen; Entschädigung vor Rück­gabe. Ich wurde entschädigt. Es gab jetzt einen Besitzer, der als legitimer Besitzer galt, ein Arzt, er hatte das Haus nach dem Krieg gekauft, 1956, Haus und Grund­stück, was wohl in der DDR ausserge­wöhnlich gewesen sei soll aber machbar; Erwerb von Grund und Boden. Vor dem Fall der Mauer, in der DDR, da kannte man keine Sommerhäuser von nach Amerika geflüchteten. Und danach eben; Ent­schädigung vor Rückgabe. Schwim­men sie ab und zu im Kanal?

–           Seegras kommt bis knapp unter die Was­seroberfläche, ich bin ein, zwei mal ge­schwommen, aber das Seegras stört.

–           Damals gab es kein Seegras, nicht im Ka­nal.

–           Jedoch schwimme ich oft im nahen See.

I think we should, sagt seine Frau plötzlich. Draussen ist Winter. Frischer Schnee liegt unbe­rührt.

–           Ich habe Fotografien des Hauses, des Gartens, ein paar Aufnahmen des Ortes…

–           Hier? Jetzt?

–           In meiner Tasche, ja, ich habe Fotogra­fien mitgenommen. Möchten…wollen sie?

–           Nein, ich habe kein Verlangen nach Gegenwart.

I think we should, wiederholt seine Frau.

Er bestellt die Rechnung, bezahlt an einer Kasse neben dem Ausgang. Vor der Türe des Cafés blendet der Schnee. Auf dem Gehweg stehe ich neben seiner Frau als er den Wagen holt. Mehrmals habe ich ver­sichert, dass ich mir die Gegend hier um das Café ansehen will, man müsse mich nicht zu­rück zum Hotel bringen, wirklich nicht.

–           Es hat uns sehr gefreut. Mein Mann hat nie viel erzählt. Aber das Haus.. manchmal träumt er von dem Haus, sagt er. Es hat ihn gefreut, als er erfah­ren hat, dass jemand das Haus gekauft habe. Dieses Haus und nicht irgend ein Haus.

Er fährt den Wagen langsam vor, stoppt direkt neben uns. Sein angestrengtes Gesicht hinter dem Steuer. Ich öffne die Bei­fahrertüre für seine Frau während er aussteigt, um den Wagen herum geht, auf mich zu; jetzt wird man sich verabschieden.

–           Wann fliegen sie zurück?

Zwei Blocks bin ich auf der leicht abfallende Strasse in Richtung des da­vongefahrenen Wa­gens gegangen, hinterher, dann rechts in eine Seitenstrasse, den Umschlag mit den Fotografien in meiner Tasche.

 

Seitlich am Haus vorbei, angeschnitten zu sehen der grosse Rhododendron in voller Blühte.

 

Das Spalier mit der kümmerlichen Kletterrose, jedoch dahinter die Hortensien wachsen un­bändig.

 

Die Eingangstüre, halb geöffnet, man sieht bis ins Wohnzimmer.

 

Das Bootshaus und der Steg zwischen Schilf.

 

Vom Schilf her gesehen die Wiese, im Hinter­grund klein das Haus.

 

Das Seerosenbecken, leer.

 

Nochmals das Seerosenbecken, immer noch nicht repariert, also ohne Wasser.

 

Der Kirschbaum in voller Blühte.

 

Liegestühle unter dem Baum.

 

Im Herbst, Laub unter den Bäumen, Laubhaufen auf dem Rasen.

 

Nach einem Platzregen, metallen schillernd die nassen Bruchsteinplatten.

 

Im Schnee.

 

Der Kanal im Winter, Schnee auf der Eis­decke, darin früh­morgens Spuren der Rehe, der Wildschweine, der Hasen etc.

 

Wieder Hochsommer, das Rosenbeet ne­ben der Terrasse.

 

Innen; die Küche.

 

Von der Küche ins Wohn-Esszimmer.

 

Abendsonne durch das Wohn-Ess­zimmer bis in die Bibliothek, die keine rich­tige Bibliothek ist.

 

Das Schlafzimmer.

 

Die vier Pappeln am Wasser, noch hat kein Windstoss ihnen etwas anhaben können; meine ständige Angst bei Sturm.

 

Der Blick durch ein Fenster.

 

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