Manchmal, wenn die Gedanken nicht zur Ruhe kommen, wenn die Hände sich nicht vom Buch lösen können, festgekrallt in dieser nächtlichen Zwischenwelt, wenn der Blick durch das Fenster über die Häuserreihen meiner Stadt schweift und an einem einsam leuchtenden Fenster hängen bleibt, da frage ich mich: Wer sind die Menschen, die draussen noch wach sind, hinter den schimmernden Fenstern, unter dem stillen Sternenhimmel?
Dieser wunderbare Text von Mercedes Lauenstein (aus dem neuen Magazin «Block» von Theresia Enzensberger (Lesebefehl!)) geht dieser Frage nach und klingelt an den Türen, hinter denen noch Lichter brennen, spätnachts, frühmorgens, je nach dem.
Da ist der 65-jährige Hardy, der im Licht der Glühbirne sein Leben anhand von Tagebuch-Einträgen ordnet und sagt: «Ich glaube nachts kann man weise werden.»
Da ist die 23-jährige Leonie, noch taumelnd im Weltenkoller, der Kopf unentwegt arbeitend, die erst schlafen kann, wenn alle anderen wach werden. «Die Nacht mag ich nicht. Es ist als würden die Leute nachts aus ihren Häusern verschwinden, in ein Land gehen, zu dem ich keinen Zugang habe und mich hier den bösen Geistern zum Fraß vorgeworfen lassen. Ich fühle mich nachts ausgeschlossen, ich kann die Ruhe nicht genießen, ich wünschte, es gäbe immer jemanden, der nachts vor meiner Tür noch bügelt, wie meine Oma früher.»
Und weiter: «Ich will niemals ein Karrieremensch sein. Dann lebe ich lieber ein verzweifeltes Leben. Brennen, brennen, brennen, wie ein einziger, völlig mutierter Atomleuchtstab, und dann macht es eines Tages Zzzzzzzrrb! und dann bin ich tot. Wie eine Fliege, die ins Licht geflogen ist. Und dann, zurück in der Ewigkeit, erzähle ich allen, dass sie die Finger lassen sollen von dem faden Planeten Erde, auf dem alles immer nur vorbeigeht, aber nie was bleibt.»
Da ist der 50-jährige Gero mit dem Gipsfuss, und gerade für den Ex-Freund seiner Tochter die Hausarbeit druckt und die Tür nur aufmacht weil… Ach, lest am besten selbst!