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Den Ball am Rollen halten

by Annika von-Taube

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Rollerball ist eine fiktive Sportart, die zudem nur in einer fiktiven Zukunft ausgeübt wird, nämlich im gleichnamigen Science-Fiction-Film von 1975. Rollerball ist so brutal, dass die Karrieren der Spieler höchst kurzlebig sind – wer Glück hat, scheidet aus dem Spiel, wer Pech hat, aus dem Leben. Das ist so gewollt, denn Individualität zählt nichts im Rollerball-Land und Sportler dürfen keinen Wiedererkennungswert entwickeln und schon gar nicht zu Idolen werden.

Dummerweise aber überlebt ein bestimmter Spieler jede Begegnung, sein Bekanntheitsgrad wächst mit jeder Saison, und am Ende wird er zu dem, was die Machthaber verhindern wollen: zu einem Vorbild, dem die Massen zujubeln und soviel emotionale Unterstützung liefern, dass er das Spielfeld als letzter Überlebender und somit als Sieger verlässt.

Rollerball basiert auf einer realen Sportart: Roller Derby, eine Erfindung aus den 1930er Jahren, die nicht lange währte. Die Sportler hielten die Tortur nicht aus, die es bedeutete, in Zweierteams (je eine Frau und ein Mann) nach Vorbild des Sechstagerennens tagelang auf Rollerskates das immergleiche Rund zu umlaufen und sich in Rempeleien mit Gegnern lebensgefährliche Verletzungen zuzuziehen.

Als der Sport in den 1960er Jahren wiederbelebt wurde, ersetzte man deshalb die ehemals echten Kämpfe durch Scheingefechte, wie man sie vom Show-Wrestling kannte. Das war nichts mehr für echte Kerle – Roller Derby wurde zunehmend weiblicher. Zum Ausgleich für die fehlenden körperlichen Strapazen wurden nun die körperlichen Reize in den Vordergrund gestellt: Roller Girls trugen Trikots im Weniger ist mehr-Stil. Der Show-Faktor machte Roller Derby zu einer höchst erfolgreichen Sportart in den USA, aber der Boom hielt gerade mal zehn Jahre an.

Ende der 1990er wurde Roller Derby abermals wiederentdeckt und von Anfang an von Frauen dominiert, und zwar nicht einfach nur von Frauen, die Spaß an einer abseitigen Sportart hatten, sondern von Frauen, die mit diesem Sport eine feministische Botschaft verbanden. Das ist insofern absurd, als Roller Derby in seinen Ursprüngen soziale Kompetenz als Schwäche verurteilt und in seiner zweiten Phase Frauen zu Sexhäschen degradiert. Den neuen Rollergirls zufolge ist Roller Derby aber deshalb feministisch, weil Frauen in diesem Sport tough sein dürfen, ohne ihre weibliche Seite verleugnen zu müssen. Deshalb tragen Rollergirls gern Hotpants, Miniröckchen und Netzstrümpfe, sind dabei aber, weil sie ja tough sind, auch gepierct und tätowiert.

Die Rollergirls von heute sehen aus wie Punkversionen von Vertreterinnen ausgerechnet jener Sportart, die für Feministinnen der pure Horror ist: Cheerleading. Die Cheerleader-Referenz ist natürlich ironisch gemeint, löst aber einen Schuss, der nach hinten losgeht. Denn im Gegensatz zu den meisten Rollergirls verfügen Cheerleaderinnen über athletische Körper, Ausdauer, Körperbeherrschung und Sportsgeist. Cheerleading gilt als eine der anspruchsvollsten Sportarten der Welt, deren Vertreterinnen zu unrecht das Image von leistungsfreien Hüpfmäuschen anhängt. Wäre ich Feministin, ich würde die Frauen dieser Welt dazu aufrufen, Cheerleaderin zu werden.

TXRD

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