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Denti della Vecchia

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Meine Großeltern hatten ein Haus im Tessin. An manchem Sommerabend habe ich mit meinen Eltern am Fenster im Wohnzimmer dieses Hauses sitzend grelle Blitze in graubraunem Himmel zwischen schwarzen Felsen beobachtet und bin beim Knall, der unmittelbar auf den Blitz folgte, zusammengezuckt; das Gewitter war nah, der Regen [more]

Meine Großeltern hatten ein Haus im Tessin. An manchem Sommerabend habe ich mit meinen Eltern am Fenster im Wohnzimmer dieses Hauses sitzend grelle Blitze in graubraunem Himmel zwischen schwarzen Felsen beobachtet und bin beim Knall, der unmittelbar auf den Blitz folgte, zusammengezuckt; das Gewitter war nah, der Regen ein Wasserfall. Mein Vater musste mir erklären, warum die Welt nicht untergehe.

Eine Erzählung, an der Max Frisch in den siebziger Jahren arbeitete, hatte zuerst den Arbeitstitel „Regen“, dann „Klima“. „Der Mensch erscheint im Holozän“ ist der Titel des gedruckten Buches geworden. Die Erzählung spielt im Tessin und erschien 1979. Ich war 16 Jahre alt, habe das Buch gekauft und gelesen. Holozän; das musste ich nachschlagen im Lexikon meines Vaters.

Das Haus meiner Großeltern ist mir nach ihrem Tod verloren gegangen, eine Streiterei unter Erben. Die Bergkette, auf die ich vom Wohnzimmerfenster aus Sommer für Sommer geblickt hatte (Denti della Vecchia, die Zähne der Alten), habe ich noch einige Male gesehen. Nie mehr aber aus der Perspektive jenes Fensters. Und ich habe kein Gewitter mehr erlebt, das ähnlich nah war, aber eine so grenzenlose Weite offenbarte.

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