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Der erste Schnee

by Annika von-Taube

1211_Mount Baker

Gestern fiel in New York der erste Schnee des Winters. Immer fällt irgendwo gerade Schnee, in manchen Regionen sogar ständig. Aber der erste Schnee in New York bedeutet ein Ereignis von saisonaler Tragweite für alle Menschen, deren kulturelles Koordinatensystem sich innerhalb zentralwestlicher Gefilde bewegt.

Wenn es dagegen am Mount Baker schneit, der gar nicht so weit weg von New York im Bundesstaat Washington liegt, dann denkt keiner an Wintereinbruch, Weihnachten, oder an irgendwas anderes Besonderes. Der Mount Baker markiert den schneereichsten Punkt der Erde. Schnee ist dort etwas ganz Normales.

In New York nicht. New York hat nämlich nicht nur gute oder zumindest glimpfliche Erfahrungen mit dem Schnee gemacht. Im März 1888 ereignete sich dort ein Schneesturm, der rund 400 Tote forderte. New York galt zu jener Zeit als fortschrittlichste Metropole der Welt, ein Sinnbild für den Triumph des Menschen über die Natur. Ein weit verzweigtes Netz aus Strom-, Wasser- und Gasleitungen sorgte für Licht zu jeder Tages- und Wärme zu jeder Jahreszeit. Dann kam der Schneesturm, aus heiterem Himmel – im wahrsten Sinne des Wortes, denn es war bereits Frühling.

Es hat seitdem viele Schneestürme gegeben in New York, aber nie wieder einen so verheerenden. Trotzdem, die Bedeutungsschwere, mit der alljährlich der erste Schnee in New York vermeldet wird, ist vor dem Hintergrund dieses Ereignisses verständlich.

Hier geht es nicht um ein argwöhnisch betrachtetes Wetterphänomen, das naturfremden Großstädtern vielleicht Unannehmlichkeiten bereiten könnte, oder um das sehnsüchtig erwartete Beiwerk einer Weihnachtsikonographie, die ohne Schnee nur halb so dekorativ wäre und dem Einzelhandel deshalb nur halb so viel Umsatz bescheren würde. Sondern es geht um den Respekt vor einer Natur, die in der Stadt mehr Zerstörung anrichten kann als irgendwo sonst, weil sie dort nicht hingehört.

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