#60
 
 

Der Sprayer von Roquebrune

by Clemens Tissi

Noch einmal Le Corbusier: 19 Sommer bevor er in der Bucht vor Roquebrune ertrank, hat er sich oberhalb dieser Bucht auf des Grundstück von Eileen Grey geschlichen, mit Farbtöpfchen und Pinsel, aber ohne Unterhose. Die eine oder andere Wand des Hauses E1027 von Eileen Grey dünke ihn etwas kahl, so äusserte er sich gegenüber anderen. Jedoch; im Grunde konnte er wohl nicht verkraften, dass eine Frau ein Haus entworfen und gebaut hatte, dass seinen Glauben an die Alleinstellung als Genie der Moderne erschütterte. Und so legte er sich zurecht, dass dieses Gebäude durch ein paar Wandmalereien von Le Corbusier erst Bedeutung erlange und malte los. Nackt. Es entstanden Malereien, an fünf Wänden, auch erotische. Eileen Grey war (obwohl sie damals schon das Haus nicht mehr selber bewohnte) entsetzt und verlangte Wiedergutmachung.

Nicht wirklich Banksy seiner Zeit, liess Le Corbusier sich während der Aktion fotografieren, vor einem der halbfertigen Wandgemälde. Wir sehen ihn dastehen wie ein ertapptes Kind und was ins Auge springt, ist nicht das Gemälde im Hintergrund, oder der Zigarrenstummel in seinem Mundwinkel, oder die unausweichliche Brille im Gesicht, sondern eine scheusslich lange Narbe, die sich, mit Einstichen wie Füsse eines Tausenfüsslers, von seinem Knie über den Oberschenkel und zurück ums Bein bis in die Leiste zieht.

corbusier_02

all PICKS von