Draußen auf der Terrasse tänzelt Weinlaub. Dunkelrot, braun und dunkelbraun gescheckt, und schon so vertrocknet, dass es bei einem heftigen Windstoß zerbröselt und als aufgeregte bunte Wolke davonstaubt.
Einmal hatte ich einen eigenen Weinberg. Er lag über dem Kamptal und gehörte früher meiner Großmutter. Schon als Kind wurde mir während der Weinlese im Spätsommer eine kleine Butte umgeschnallt, damit ich mit auf den Weinberg gehen und meine eigenen Trauben von den Reben zwacken konnte. Danach durfte ich vor der großen Weinpresse stehen und auf den ersten Saft warten. Sein besonderer Geschmack liegt mir – wenn ich mich stark konzentriere – immer noch auf dem Gaumen. Kein Saft schmeckt wie der aus Früchten, die man gerade selbst noch geerntet hat.
Ich fühlte das Glück des Bauern, verstehst Du?
Es gab damals einen Film von Adriano Celentano, in dem er mit italienischen Schönheiten in einem Bottich voller Trauben tanzt. Ich versuchte meine Großmutter zu überreden, dass auch wir in so einem Bottich tanzend den Wein pressen sollten, aber meine Großmutter sagte, die strenge Bundeskellereinspektion würde dies niemals zulassen.
Als meine Großmutter gestorben war gehörte der Weinberg plötzlich mir. Alle, die früher auf dem Weinberg gearbeitet und mitgeholfen hatten, waren nun zu alt oder einfach mit anderen Dingen beschäftigt. Ich stand allein da mit meinem Berg, der obendrein fast 1000 Kilometer von meinem Wohnort entfernt lag. Ein weitschichtiger Verwandter, dessen Weinberge an den meinen anschlossen, arbeitete den meinen mit, dafür bekam er die Trauben und kelterte seinen eigenen Wein daraus, der natürlich nicht mehr so war, wie der meiner Großmutter. Aber ich hatte einen Weinberg, es reiften Beeren an seinen Reben und an Familienfesten tranken wir eigenen Wein.
Inzwischen ist der Weinberg verkauft. Es war eine schöne Vorstellung, aber ich bin eben kein Bauer. Was nützt der Weinberg in Gedanken. Der Nachbar wollte nicht mehr, das sei alles die Arbeit nicht wert.
Ich schaue hinaus auf die Terrasse zu dem tänzelnden Laub. Es gehörte zum letzten Weinstock, der geblieben ist. Seine Reben klettern an der Mauer des Salettls hinauf. Ich gehe in den Keller und hole mir Saft. Wir haben ihn in der Küche aus den paar Beeren gepresst, die darauf gewachsen sind. Gerade ein paar Flaschen süßen Saftes hat er hergegeben.
Ich erinnere mich an den tag, als ich zum Notar musste, um den Verkaufsvertrag zu unterschreiben. Davor bin ich noch einmal hoch gefahren und über den Grund gestapft, der mir noch ein paar Stunden gehören sollte. Sein Boden war weich und sanft, ich sackte ein. Ein Schuh blieb stecken. Als ich ihn wieder herauszog klebte feuchte Erde daran. Meine Erde.