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Dienstag

by Pippin Wigglesworth-Weider

Das andere Objekt – noch besser! Zwei Flächen auf zwei Etagen, jede so gross wie eine kleiner Park. Die Aussenwände sind die einzigen Wände, die vier Mauern. Innen dafür sechs Gruppen von vier Säulen, um den Boden der ersten Etage zu halten, und dort noch einmal sechs Gruppen, um das Dach zu halten. Entlang des Parterre, welches ein Hochparterre ist, geht eine Rampe. In der Fassade an der Rampe gibt es sechs freie und sechs vermauerte Fenster, die einzigen des Parterre. Der Lichteinfall ist gering, die Decke tief. Tief wie ein Kuhstall. Das Licht, das durch die sechs freien Fenster fällt, reicht nicht bis zur gegenüberliegenden Mauer, ab den hinteren zwei Säulen jeder Gruppe liegt die Fläche im Halbdunkel und wirkt dadurch fast unendlich. Die obere Etage ist höher und heller, das Licht durch die grossen freien Fenster erreicht jede Ecke des Raumes. Der Weg zur zweiten Etage führt über zwei separate Wendeltreppen, die von der Rampe her betreten werden. Diese Treppen stehen in der Fläche des Hochparterre, sind aber ummauert, also tatsächlich nur von der Rampe her betretbar. Eine Luke ist die einzige direkte Verbindung zwischen den beiden Flächen. Sie hat zwei Flügel, zwei Meter auf einen Meter. Ich würde die Luke öffnen lassen und die Genossen beten sie so oft wie möglich zu benutzen, statt der Wendeltreppen. Ich würde wahrscheinlich neue Bewegungsprozesse einführen, um die Benutzung der Luke anzuregen. Es wäre ein Risiko dabei, es gäbe Unfälle, doch das wäre ein kleiner Preis. Keiner soll sich etwas brechen, doch … diese Bitterkeit, ich glaube sie kommt aus meiner Zeit im Keller. Die zwei Flächen zusammen ergeben fast das ganze Gebäude. Es gibt noch einen Dachstock, aber der ist nass. Das Gebäude ist das zweitletzte einer losen Prozession von vier Gebäuden, drei verbundene, ein alleinstehendes. Sie bilden eine Art von Hof, dem eine Seite fehlt. Vielleicht wurden andere Gebäude im Krieg zerstört, vielleicht liegen sie auf der anderen Seite der Feuerwand, an die sich die vier Gebäude schmiegen, ich hatte mich noch nicht damit befasst. Keller gibt es glücklicherweise keine. Also ein Kriterium getroffen, welches mir erst gerade bewusst wird. Natürlich sind Keller ausgeschlossen, das ist vielleicht sogar das bedeutendste Kriterium. Aus dem Keller zu kommen, hoch gestiegen zu kommen, hinaus gekrochen, auf diese Sinnbilder lässt sich nicht bauen. Die Bewegungen auf der Erde oder über der Erde werden weiterhin Kellerbewegungen sein. Ich sitze im Büro, hier, vier Etagen über der Erde, verfasse Nachrichten, führe Gespräche und trinke Kaffee, als sei ich noch immer im Keller. In der Art dessen, der aus dem Keller auf einen Sessel gekrochen ist. Aufbrechend, sitzend. Die fünf Meter zum Klo gehe ich wie auf der Treppe, um vier Stockwerke zu überwinden. So wie früher. Der Weg der Treppe ist auf fünf Meter verkürzt, ich spüre nicht einmal Muskeln in meinen Beinen, ich bewege mich fast ohne Gefühl, doch es ist nach wie vor der Weg über die Treppe, das Ziel ist das gleiche geblieben. Die Prozesse des Kellers schränken die Bewegungsfreiheit ein, für immer. Die Prozesse anderer Abteilungen übrigens auch. Bewegungen die in einer Etage beginnen und in einer anderen enden, treffen auf unterschiedliche Haltungen, meistens auf Arme die sich in einer Erwartungshaltung befinden, in der sie die Bewegung verpassen werden. Das ist der Frust, die ständige, unfreiwillige Haltungskorrektur. Der Mangel an Kellerräumen wäre also nur ein Trost für mich und meine Abteilung, für unser Gefühl für die Vergangenheit, das unsere Tage ausfüllt. Vielleicht kann im neuen Raum eine andere Vergangenheit starten. Dennoch gibt es im Hochparterre (des Objekts, das wir hier besichtigen) einen Abstieg, ich fand ihn bewacht von einem niederen Geländer, als ich das Halbdunkle ausmass. Eine schmale Treppe, die in den Boden führt. Einige Stufen zur Mauer hin, dann längs der Mauer bis unter das Niveau des Hochparterre, vermutlich auf das Erdniveau hinab, und dann noch einmal auf die Mauer zu, in der da eine Tür sitzt. Da sei nichts, nur ein Öltank, besser gesagt, nicht mehr, der Tank wurde entfernt. Dies ist der entscheidende Raum des Gebäudes, dachte ich, unwichtig, wie gross und frei die anderen Flächen sind, wie viel Licht einfällt und wo die Decke beginnt. Im Gegensatz zum Öltankraum hatten sich die anderen Flächen bereits verlebt, mit ihren unzähligen toten Säulen und Wendeltreppen. Nur noch ein Skelett meiner Vorstellung. Der Öltankraum hingegen scheint mir radikal, ein Ort zum Nachdenken, in dem jeder Millimeter nicht überflüssig ist. Dem Makler fehlte der entscheidende Schlüssel, der Öltankraum blieb zu. Ich werde ihn später sehen. Es ist offensichtlich der Ort, von dem aus die Suche nach dem neuen Raum organisieren werden muss. Ich habe Jémand geschickt den Mietvertrag auszuhandeln.

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