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Donnerstag

by Pippin Wigglesworth-Weider

Wie immer die vier Etagen hochsteigen müssen, ins Büro. Besonders leicht heute, vielleicht war ich in Gedanken. Auf einmal vor meinem Schreibtisch, eben noch auf der ersten Stufe oder Zuhause im Bett. Gar nicht so sauber und frisch, nachdem der Moment im Bett sich mit dem Moment am Schreibtisch verbunden hat, oder der Moment zusammen im Bett mit dem solitären Moment am Bankautomaten, oder das Frühstücken sonntags mit dem Erwachen am Montag. Wirft Fragen auf, wie die Momente einander berühren. Kontamination, meine ich. So sieht das für mich aus. Dieses Nebeneinander, das von Gleichzeitigkeit fast nicht zu unterscheiden ist, also von Gleichheit. Immer liege ich im Bett und schlafe ein oder erwache, aber ich sitze auch immer im Büro. Der Ordnung halber geschehen die Dinge an unterschiedlichen Orten. Darum sitze ich auf ewig in Taxen und in der Untergrundbahn. Ich esse Eier und denke ununterbrochen an die Vergangenheit. Ich bin aber auch immer schon tot. Im diesem Moment sterbe ich, gestern habe ich noch Eier gegessen, morgen werde ich im Büro sein. Was weiss ich. Ausser mir ist das Licht im Büro eingeschaltet, es brannte durch die Nacht, ich schalte es aus. Auf meinem Schreibtisch stehen fünf Ablagefächer übereinander, darin Papiere, die Bewegungen dokumentieren. Sie sehen lustig aus. Ich zerreisse sie und werfe sie in den Korb. Es ist wichtig, überholte Papiere zu zerreissen. Liegen sie intakt im Korb, könnte ihre Bewegung dorthin eine Verfehlung gewesen sein. Der Wind könnte sie doch dorthin bewegt haben. Nur lässt sich nicht alles zerreisen. Dreimal warf ich die überzähligen Füsse der Schwerlastregale in den Müll, ein Tag später fand ich sie wieder auf meinem Schreibtisch, von Jémand wiederholt selbstaufopfernd gerettet. Zuletzt wickelte ich sie in dreckiges Papier und stiess sie mit meinem Arm tief in den Müll hinunter, am nächsten Morgen fand ich sie geputzt auf meinem Schreibtisch, in Reih und Glied. Sie sind jetzt verpackt und archiviert, irgendwo im Keller. Die fünfzehn Schreibgeräte, Lineal und Schere, die ich in einer Kaffeetasse aufbewahre, verteile auf die Kaffeetassen der anderen Schreibtische. Die fünf Ablagefächer kommen zu den unbenutzen, noch verpackten Ablagefächern. Ich starte den Rechner. Mich erwarten viele Nachrichten, die übliche Zahl, ich antworte gemäss meiner Vorstellung einer intakten Bewegungswahrheit. Warum auch nicht, so läuft es auch an anderen Tagen. Besonders süss, wie mir jemand schreibt, der auf Ratschläge und weise Sprüche hofft. Sie ist neu in der Branche. Ich erzähle ihr die Geschichte mit den Füssen der Schwerlastregale oder eine ähnliche. Die ersten Genossen kommen im Büro an, rutschen auf ihren Sesseln herum und positionieren ihren Kopf im Strom der Bewegungen. Dann ist es wieder still, bis der Nächste kommt und auf meinen aufgeräumten Schreibtisch schaut. Ich sage, Platzverschwendung, alles im Rechner, versuch es auch. Um dreizehn Uhr habe ich alle Nachrichten beantwortet, fast übersehe ich den Unterschied zu jedem anderen Tag. Fast möchte ich auf der Strasse eine Suppe kaufen und wiederkehren, am Schreibtisch sitzen, essen, und arbeiten. Die Bewegungen könnten wieder fliegen, dafür müsste ich von heute bis nächste Woche am Schreibtisch etwas tun, vielleicht bräuchte es nicht einmal so viel, vielleicht aber auch etwas woanders, wohl im Keller. Ich weiss nicht, was mit mir geschehen würde, ich versuche den Moment zu erspüren, in dem die Bewegungen wieder fliegen, aber es gelingt mir nicht, mein Gefühl endet in der Mitte meiner Füsse, zehn Zentimeter hinter den Zehenspitzen. Vielleicht fiel der Treppenlauf zur Büroetage darum so leicht. Ich mache mir Sorgen um die Anderen und ihre Abteilungen. Sie erinnern mich jetzt an den Moment in dem die Leute noch etwas weiterfliegen, das Flugzeug aber bereits abgestürzt ist. Das hat auch etwas Schönes, dass doch nicht alles exakt zur selben Zeit passiert. Wie das Rauschen von fünf mehr oder weniger frühstückenden Häuserblocks, diese vielen zueinander versetzt spielenden Harmonien. Der Moment, in dem die Bewegungen fliegen, war immer schon mit dem Moment verbunden, in dem sie abstürzen. Obschon sie sich nun auf keinen Fall noch bewegen werden, lässt sich nicht bestreiten, dass sie untrennbar mit dem Moment verbunden sind, in dem sie sich bewegt haben und in dem sie sich weiter bewegen. Sie werden nicht aufhören sich zu bewegen, sie werden aber auch nie wieder fliegen, sie sind für immer abgestürzt, das war von Anfang an so. Ob die Anderen und ihre Abteilungen damit etwas anfangen können. Bereits auf der Strasse. Ich denke auf der Achse der Bewegungen befinden wir uns bloss an unterschiedlichen Orten. Jetzt schon fühle mich verbunden mit dem Moment, in dem die Büroetage das auch so sieht.

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