In meiner Kindheit waren Juden für mich vor allem Leute, die extrem gut Geige und Klavier spielen konnten. Oistrach, Milstein, Brendel, Argerich, Rubinstein, Perahia, Horowitz. Das Fernsehen zeigte oft Bilder von Anschlägen in Israel. Ich erinnere mich vor allem an Krankenwägen, Sirenen und hektisch herumlaufende Menschen, die Kippas [more]
In meiner Kindheit waren Juden für mich vor allem Leute, die extrem gut Geige und Klavier spielen konnten. Oistrach, Milstein, Brendel, Argerich, Rubinstein, Perahia, Horowitz. Das Fernsehen zeigte oft Bilder von Anschlägen in Israel. Ich erinnere mich vor allem an Krankenwägen, Sirenen und hektisch herumlaufende Menschen, die Kippas trugen. In meiner Geburtsstadt Bogota gab es ein jüdisches Buchhändler-Ehepaar, sie waren Freunde meiner Eltern. In der Schule schließlich war die Shoa ein herausragender Teil des Geschichtsunterrichts. Schwarzweiß-Bilder von Bergen toter, abgemagerter Menschen. Das sind meine markantesten Erinnerungen. Darüber hinaus gab es im Umfeld des katholischen Kolumbien und Österreichs und des späteren Lebens in Berlin, außer einiger weniger Synagogen-Besuche und der Unterrichtung in den grundlegendsten Gebräuchen des Reformjudentums, an die ich mich wenig erinnere, keinen Kontakt mit dieser Mischpoke. Eine wirre Mischung aus allgemeiner Aufgeklärtheit, Mitleid, Neid, verschämter, verschwiegener Fremdelei dominierte die Atmosphäre meines nichtjüdischen Umfelds und Lebens in Deutschland und Österreich seither. Und dann kam diese Wiederentdeckung durch eine Israel-Reise: Endlich schaut einem einer wieder richtig in die Augen! Neutral, körperlich zugewandt, unaufdringlich, ein fast zu langer, leicht verunsichernder, prüfender Blick als stolze, lesbare, selbstverständliche Vergewisserung, um Vorhaben, Gewilltheit, Verfasstheit des anderen einzuschätzen. Als sei es respektlos, die innere Anspannung in die nächste Begegnung mit hineinzutragen. Mir fielen die vielen, unentschlossenen, rumdrucksenden, blass-schwitzelnden, tuschelnden, sich echauffierenden, schwafelnden, übersensibilisiert-nervös-arrogant fremdelnden, verbitterten, durch Überbildung verunsicherten, schlecht gelaunt-misstrauischen, feigen, undankbaren, besserwisserischen, uncoolen, versoffenen, dissoziierenden, gelangweilten, angespannten, sich minderwertig fühlenden Schwadronen und Cliquen hedonistischer Dünkel-Deutschen ein.