#60
 
 

Flâner encore

by Livia Valensise

Mit Imad durch Beirut laufen:

Er hält den Rücken gerade, sehr. Wäre er etwas größer, breiter, stämmiger wäre sein Gang fast arrogant. Langsam schwingen die Arme vor und zurück, kontrolliert, sichere Entfernung vom Oberkörper, als würden sie vor lauter Muskeln abstehen.

Doch er ist nicht gerade groß, breit, stämmig. Eine Linie: der Zopf schwarzer Locken, der gerade Rücken. Das Gesicht klar, der Blick konzentriert und aufmerksam, dabei abwesend.

Rechts eine lehmfarbene Mauer und Schusslöcher, klein und groß, unordentlich verteilt. Ich bleibe stehen vor dieser Mauer, überlege meine Kamera herauszuholen, vielleicht wäre es ein gutes Foto, die lehmfarbene Mauer mit ihm davor. Er schaut sich um, auf der anderen Seite steht ein Polizist – an eine Wand gelehnt, Uniform, Waffe, Helm, in sein Smartphone vertieft – wir sollten weitergehen.

Und dann die Ruine. Jedes Mal fällt sie auf in dieser Straße. Dabei sind Ruinen nichts Ungewöhnliches in dieser Stadt: Ruinen und halbfertige Neubauten und Kräne und angeschossene Hausfassaden. Aber diese eine Ruine fasziniert. Ich habe Lust, sie zu betreten, jedes Mal, ein herrschaftliches Haus, mitten in dieser lauten, verkehrswütigen, staubigen Straße. Ich bleibe also stehen, überlege, ob wir irgendwie in die verfallenen Wände eintreten können.

Ich drehe mich um, möchte ihm sagen, lass uns gucken gehen, und tue es doch nicht. Sein Blick: fest auf das Haus gerichtet, er lächelt. Die Augen sind glasig geworden. Ich blicke auf das Haus, zurück zu ihm. Trance. Kopfschütteln, der Blick fokussiert neu und bleibt auf meinem Gesicht liegen. Er sagt etwas über eine Familie, die er mal kannte und wie alles anders ist jetzt, über den Krieg im Libanon, und den Bürgerkrieg in Syrien, und wann es wohl alles enden wird. Wir laufen weiter.

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