Eines Tages war er verschwunden; ein Freund, Architekt im Tessin, mit Lehrauftrag in Amerika, Publikationen in dieser und jener Fachzeitschriften, ein von vielen Kollegen geachteter Entwerfer. Zu einem Geschäftstermin am Vormittag war er nicht erschienen und kehrte auch am Abend, von seiner Frau in zunehmender Spannung erwartet, nicht nach Hause zurück. Am nächsten Morgen alarmierte sie die Polizei. Man stellte ihr viele Fragen, auch unangenehme, vertröstete sie und redete ihr Mut zu. Nach dem dritten Tag erschienen zwei Polizeibeamte und legten ihr ein Foto vor; ist das der Wagen ihres Mannes? Natürlich kannte sie das grüne Triumph Stag Cabriolet. Wo ihr Mann sei, was das Fotos soll? Der Wagen sei gefunden worden, auf einer kleinen Seitenstrasse oberhalb einer Klippe über dem Luganer See; die Polizisten redete zu ihr als sei sie Witwe und Kleinkind. Es sei nicht der erste Wagen, der an jener Stelle oberhalb der Klippe aufgefunden werde, man erweitere die Suche jetzt auf den See. Nach einer Woche wurde die Suche eingestellt. Die meisten Wasserleichen treiben früher oder später aufgedunsen an der Wasseroberfläche. Monate vergingen. Unter vorgehaltener Hand munkelte man von hohen Schulden, von einem wirtschaftlich ganz und gar missglückten Projekt des Architekten. Die Frau blieb in dem Haus wohnen, das ihr Mann für sei beide gebaut hatte. Nach einem Jahr war die Zeit, in der Wasserleichen auftauchen und an der Wasseroberfläche treiben, längst verstrichen; das wusste auch sie inzwischen. Zwei Jahre nach dem Verschwinden des Architekten wurde in Mazedonien ein Mann aufgegriffen, der den Personalausweis des Vermissten bei sich trug. Fotos in der Tessiner Lokalpresse zeigten einen verstörten, bärtigen und verwahrlosten Menschen, der mit aufgerissenen Augen in die Kamera starrte und verblüffende Ähnlichkeit mit dem Architekten hatte. Der Bruder der Frau reiste umgehend in das Dorf, in dem der Mann aufgetaucht war, kehrte aber ohne Mitteilung an die Öffentlichkeit, an Freunde und Verwandte zurück. Jahre später verkaufte die Frau das Haus, das noch heute in der Fachliteratur erwähnt wird als das Werk eines aufstrebenden Architekten.