#60
 
 

Freitag

by Pippin Wigglesworth-Weider

Der Raum ist derselbe, alles, was sich darin verändert hat, bleibt mir verschlossen, vermute ich. Vielleicht hat der Luftzug eine Blume gedreht, einer mit seinem Mantel ein Plakat gestreift. Vielleicht fehlt die eine Wand. Staub. Dann betritt einer den Raum und fühlt sich ein. Die Gefühle ermatten. Seine Bewegungen sind so alt wie die Worte, die er spricht. Es kommt ihm so vor. Er denkt, hier war ich schon einmal, doch es muss anders gewesen sein. Das ist vernünftig. Wenn wieder alles gleich scheint, muss sich vieles verändert haben. Der Gedanke kommt nicht an. Überflüssiger Platz, eine dunkle Ecke des Lagers. Ich habe Räume suchen lassen, einen Genossen mit dem Anforderungsprofil zum Immobilienmarkt geschickt. Die Liste der Kriterien ist vielfältig und widersprüchlich, der Raum, der alle erfüllt, ist ausgeschlossen. Jeder Raum wird nur wenige Kriterien erfüllen. So wird sichtbar, wohin wir tatsächlich getroffen haben, wenn die Entscheidung gefallen ist. Wenn genug Kriterien niedergeschlagen wurden. Das, wofür wir uns entschieden haben, wird klar umrissen sein von allem, wofür wir uns nicht entschieden haben. Der Millimeterbereich wird ausgeleuchet sein. Ich weiss nicht, ob es funktioniert. Der Raum soll Gedankenverküpfungen unterbinden. Das ist das Kriterium, das ich zuletzt niedergeschlagen sehen möchte, oder besser gar nicht. Das entschied ich bei einem Bier im Raum mit der Blume und dem Plakat. Dort wurde mir schlecht, weil ich mich weniger im Raum, als in einem damit verknüpften Gedanken bewegte, wie ein Tier. Assoziationen sind eines der grössten Übel für mich und meine Abteilung. Unsere Arbeit bedeutet, tausend Bewegungsprogramme auszuführen, die ähnlich oder gleich aussehen, sich täglich wiederholen und oft erneuern. Wird eine Bewegung mit einem sentimentalen Gedanken verknüfpt, schert sie vielleicht aus. Es passiert oft. Im Keller stehend, sieht er sich im Keller stehen, eine Vorstellung, über die sich ein Blatt mit Gitterstangen legt, und dann beginnt das Blättern im Album der Kerkerbilder. Das Bewegungsprogramm fasst er nun in einer Weise an, wie einer an Stangen rüttelt, um frei zu kommen. Dann die Panne. Die Bewegung endet oder sie setzt sich in einer Mutation fort, die eingefangen werden muss, falls sie noch eingefangen werden kann. Es beginnt schon früher, wenn wir uns die Hand geben und guten Morgen sagen. Oder die Worte, die fallen, nachdem einer eine Frage stellt. Die Gefühle am Morgen sind überwältigend. Die Strasse, die zum Gebäude führt, das Gebäude von Weitem, die Büroetage mit ihrem Licht, die opake Erscheinung meiner Abteilung, verborgen von der Erde unter dem Gebäude, die Flure, welche unsere Kellerräume verbinden, das Wasser des angrenzenden Flusses, das durch die Fundamente drückt, Salpeter, der unter den Schuhen knistert, da bin ich noch gar nicht aus dem Bett gestiegen. Die Tür des Schlafzimmers zu sehen reicht. Jeden Morgen ähnlich überwältigend. An den neuen Raum möchte ich keine Gedanken haben, nichts, woran wir unsere dreckige Wäsche aufhängen könnten.

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