Habe ich mich um nichts, als das Aufstellen und Niederschmettern von Kriterien gekümmert, stand mir vielleicht nicht zu, meine Verantwortung mit so viel Selbstvertrauen zu tragen, war die Entscheidung gar nicht meine, haben wir die Bewegungen derweil abstürzen lassen, haben wir unsere Stelle verloren, halten wir nun unsere Beine ins Stadtbadbecken, sind wir noch alles andere als Arbeitslos. Auch ein Raum, viele Wände, viele Pfeiler, kein Licht. Der Körper. Das Stadtbad ist unsere Büroetage, unser Keller, ein Schreibtisch im Strom der Bewegungen, ausserhalb der Abteilungen. Die Menschen im Becken, die sich bewegen und Massen von Wasser in Bewegung versetzen. Kinder, die das Wasser um ihre Eltern in Bewegung versetzen. Es wird gestrampelt, gezogen und geschlagen. Nur einer treibt wie ein Floss, furchtlos. Er bewegt sich nicht, oder ich sehe seine Bewegungen nicht. Der Mann steigt ins Wasser, scheidet wie ein Kreuzfahrtschiff langsam von der Hafenmauer, vier, fünf gleitende Schritte, dann vollzieht er ein Rotationsmanöver mit Armen und Beinen, bis er in der Horizontalen angekommen ist. Dort liegt er halb im Wasser, halb in der Luft, mit seinem grossen Körper eher wie eine Insel, als ein Floss. Und er lässt sich treiben. Die Anderen und die Massen von Wasser, die sie bewegen, treiben ihn an. Die Energie der Anderen, die in den Wellen steckt, genügt. Stösst er einmal an den Beckenrand, gibt er sich mit der Hand oder der Fussspitze einen kleinen Stoss, der ihn für den Rest seiner Fahrt versorgt. Nach einer halben oder einer Dreiviertelstunde wiederholt er das Rotationsmanöver, diesmal in die Vertikale, und orientiert sich zum nächsten Ausstieg, dem er sich gleitend nähert, als würden ihn zwei, drei kleine Schlepper stossen. Er tut dies jeden Tag, er ist ein tägliches Ärgernis für Ausdauerschwimmer, deren Bahnen sein Treiben zerschneidet. Kollisionen zwischen den Kraulschwimmern und dem Treibenden stehen immer bevor, die Bewegung beider scheint blind zu sein. Wir sitzen zwar am Rand und nichts passiert, aber wir stellen uns die Unfälle vor, wir durchleben die Vorstellung so detailliert, dass wir die Gefühle dieser Momente reproduzieren, nicht nur unsere eigenen, sondern die Gefühle aller Beteiligten. Wir sitzen am Rand, unsere Beine hängen im Wasser, es ist alles in Ordnung, und wir erschaudern in unserer Vorstellung wiederholter Kollisionen blinder Bewegungen. Wir sind berufsgeschädtigt, Jémand und ich. Jedenfalls ich. Ich weiss nicht, ob Jémand schaudert. Mir fällt schwer, das zu erspüren, oder das Wasser an meinen Füssen. Bis zu meinen Knöcheln, Fersen und einem Teil der Fussrücken spüre ich Druck und Temperatur des Wassers, danach nichts. Ich spüre das Gewicht der Füsse an meinen Beinen, die Bewegung der Füsse, die sich in Knöcheln, Unterschenkeln und Teilen der Oberschenkel durch ihr Ziehen bemerkbar macht. Ähnlich wie die Beziehung zwischen mir und Jémand, der neben mir sitzt, sich bemerkbar macht und an Gefühlen zieht, den ich aber nicht als Teil meines Körpers spüre, oder ich komme nicht mit dem Verständnis dafür auf, diesen Teil meines Körpers zu spüren. Mir schaudert zwar, aber ob sonst noch jemand schaudert, wer weiss. Ich war ein wenig traurig, als klar wurde, dass die Bewegungen nicht mehr zu retten sind, sie waren Teil meines Körpers, aber ich war immer schon bisschen traurig. Diese Momente sind miteinander verbunden. Kommt gar nicht überraschend, all dies, hier. Auch die Füsse nicht. Nebst oder unter ihrer Fähigkeit zu fühlen, waren sie immer schon taub. Besonders durch die Füsse, die so viel berührt, oder die nur noch wenig berührt, habe ich ein Gefühl für Taubheit entwickelt. Wer weiss, womit Jémand verbunden ist. Vielleicht nicht mit dem Moment, in dem Schwimmer und Treiber kollidieren. Ob Jémand die Taubheit meiner Füsse spürt. Ich spüre seine. Ich spüre eindeutig das Wasser an seinen Füssen. Sein Gefühl von Druck und Temperatur an seinen Füssen spüre ich so intensiv, dass er für meine Taubheit unmöglich Verständnis haben kann. Er hat sich nicht eine Sekunde lang die Mühe gegeben. Ich spüre das rundherum. Nicht einer der Menschen im Becken, hier, spürt meine Taubheit, ich hingegen spüre alle ihre Gefühle, den ganzen Seelentand um mich herum. So kommt es mir vor. Ich sitze hier, durchlässig für Gefühle aller Orte und Zeiten. Ein ständiger Strom von Gefühlen, der alles Gefühl aus mir heraus wäscht. Es ist widersprüchlich, aber so kommt es mir vor. Die Abteilungen und Institutionen fehlen mir.