#60
 
 

Friday visit

by Livia Valensise

Wir versuchen es, aber es kommt nichts bei raus. Heute keine Geschichte, mein Großvater ist müde. Der Abend, an dem er unsere Großmutter kennenlernte, er erinnere sich nicht so genau. Er ist angestrengt. Am Vorabend hat er drei Schlafmittel genommen, und bis jetzt, 18h, geschlafen. Was wir hier mitten in der Nacht machen, fragt er. Ob wir denn nicht arbeiten müssten. Es ist schon Nachmittag, sagen wir. Aber er bleibt verwirrt.

Ich frage mich, wie sich die Zeit anfühlen muss, mit 93 und schlaftrunken. Traumloser Schlaf, sagt er.

Also keine Erinnerungen heute, er hat keine Lust.

Neben ihm, auf dem Nachttisch, zwei Gedichtbände von Hans Magnus Enzensberger. Die Rettung. Er liest vor, mit theatralischer Stimme. Vier Gedichte später, unterbrochen nur von Stirnrunzeln, gemurmelten Fragen (Sagt euch das was?) und Kommentaren (Ich liebe den), klappt er das Buch zu und lässt es neben sich fallen.

Es ist SO SCHÖN mit euch, sagt er und wir verstehen, es ist Zeit zu gehen.

Die Leber ist stumm. Leicht ist der Staub. Der Baum ist nicht dumm. Die Götter sind taub. // Die Wolken sind schön, schlafen tut gut. // Die Erde ist alt, warm ist der Schoß. Die Toten sind kalt. Das Nichts ist groß.

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