#60
 
 

Gefahr

by David Baum

Weißt Du, als Kind fürchtete ich nichts mehr als den Fuchs. Unten im Wald hinter dem Park unter dem Schloss hatte ich beim Spielen ein verbeultes altes Warnschild gefunden. „Vorsicht Tollwutgebiet“ stand darauf zu lesen und ich malte mir wunderbare Dinge aus, die man wohl anstellen dürfte bei dieser Tollwut. Ich sah mich und die anderen Kinder in wilden Kostümen ausgelassen durch den Wald tollen, ich meinte, es wäre eine Art Fest, das von den Erwachsenen keinesfalls gestört werden dürfte, deshalb ja auch dieses Schild. Schade, dass offenbar schon lange keine Tollwut mehr abgehalten worden ist in unserem Dorf neben dem Wald hinter dem Park unter dem Schloss.

Am Abend befragte ich den Vater nach dieser Tollwut und wurde natürlich schrecklich enttäuscht. Ich schlief schlecht und mir träumte Entsetzliches von den Füchsen mit dem Schaum vor dem Mund mit den spitzen bösen Zähnen. Von jedem Rascheln im Gebüsch des Waldes ging von nun an eine Gefahr aus. Es könnte der Fuchs sein.

Die Nachmittage verbrachte ich jetzt nicht mehr im Wald, ich spielte nur noch auf der Parkseite, die mir als sicher erschien und wo es nicht weit ins Haus war, falls sich der tollwütige Fuchs doch aus dem Wald traute.

Außerdem hatte das Schicksal mir neue Spielgefährten gebracht. Ein Kauzenkind war aus dem Ahorn gefallen, und ich hatte es gerettet – so dachte ich zumindest. Der Vater war sehr ungehalten, man dürfe nicht einfach in die Natur eingreifen, außerdem würde das Kauzenkind nun nach mir, also nach Menschenkind, riechen und könne nie mehr in eine Familie zurück.

Am nächsten Tag baute der Vater ein Gatter, eine Art Voliere, in das der Kauz einzog. So begann ich mit den Tieren zu sprechen. Selbstverständlich warnte ich auch das Kauzenkind vor dem Fuchs. Man kennt ja die Füchse, besonders die tollwütigen, sie würden vielleicht auch in das Kauzengatter eindringen. Bald hatte ich einen weiteren Freund gefunden. Er wohnte im Wildrosenbusch, und hatte sich eines Tages einfach neben mich vor das Kauzengatter gesetzt, ließ sich nach einigen Tagen sogar streicheln. Ich nannte ihn Herr Dachs.

Herr Dachs und ich wurden schnell gute Freunde, zudem erschien er mir ein geeigneter Beschützer vor dem Fuchs zu sein. Herr Dachs war ein Riesentier und hätte es ganz leicht mit gleich mehreren tollwütigen Füchsen aufnehmen können, so war ich mir sicher. Auch wenn er nicht mehr der Jüngste gewesen zu sein schien.

Als Herr Dachs und ich an einem sehr heißen Sommertag den Kiesweg hinter dem Rosenbusch vor dem Schloss entlang marschierten, stand plötzlich die Gärtnerin vor uns und machte ein entsetztes Gesicht. Ich solle mich ganz ruhig verhalten, müsse ganz genau ihre Anweisungen befolgen, und mich sachte von dem Tier wegbewegen, es sei jetzt eine ganz gefährliche Situation. Ich sagte, das sei schon in Ordnung, das sei nur Herr Dachs und wir gingen weiter. Am Abend wurde ich darüber aufgeklärt, dass Dachse Raubtiere seien und es bereits vorgekommen sei, dass ausgewachsene Dachse Kinder angefallen und verletzt hätten.

Ich wusste natürlich, dass das alles Unsinn ist, schließlich war Herr Dachs ein anständiger Herr. Nun war ich mir auch nicht mehr so sicher, ob das alles seine Richtigkeit hat, was einem die Erwachsenen erzählen. Und selbst meine Furcht vor dem Fuchs war bei weitem nicht mehr so schlimm.

Einen Fuchs habe ich übrigens nie zu Gesicht bekommen. Erst als ich In Berlin lebte, sah ich des öfteren einen. Er wohnte irgendwo beim Rosenthalerplatz und schlenderte durch Mitte. Jesus, der Hund von Josefsohn, jagte ihn manchmal. Er war sehr scheu.

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