#60
 
 

Kunst und Habgier

by Theresia Enzensberger

Schaedelstaette

 

(via www.ulrichmoritz.de)

Es erscheint fast sinnlos, etwas über einen Künstler zu schreiben, über den sich schon so viele Schriftsteller eloquent Gedanken gemacht haben. Ulrich Moritz hat seine Werke jahrelang nur an einen kleinen Kreis von Sammlern verkauft, die ihn dann letztes Jahr in einer Ausgabe des ZEIT Magazins ehrten. Martin Mosebach gibt dort zu: „Meine Habgier war sofort erwacht“ und Sibylle Lewitscharoff schwärmt: „Hinreißend sind sie, die Zeichnungen von Ulrich Moritz, hinreißend im Kolorit, hinreißend in der Feinheit ihrer Ausführung.“

Gestern Abend war ich bei der Eröffnung seiner ersten Ausstellung im Wolff Verlag, in dem auch die Publikation „Atelierbesuch Ulrich Moritz“ von Robert Eberhardt erschienen ist. Ich war tatsächlich ganz hingerissen, auch wenn ich seine Werke gut kenne: In meinem Kinderzimmer hing eine seiner frühen Zeichnungen, auf dem ein etwas gruseliges Pflanzenwesen zu sehen war, das mich aus Eulenaugen anstarrte. Es hatte zwei muskulöse Frauenkörper und über den Brüsten kräuselten sich dunkle Haare. Aus den Armen wuchsen Äste, die Scham wurde von Farnen bedeckt. Ich habe mit diesem Bild die Art von Intimität, die nur entsteht, wenn man mit der Versonnenheit eines Kindes allmählich seine Umgebung wahrnimmt und ihre scheinbar unabänderlichen Bestandteile immer und immer wieder betrachtet.

Anscheinend war Mosebach nicht der Einzige, dessen Habgier erwachte. Nach der Veröffentlichung im ZEIT Magazin, so erzählt der Künstler, kam eine Flut von Anfragen. Leider waren zu dem Zeitpunkt alle Werke verkauft. In einem Brief wurden ihm gar von einem Schneider aus Paris handgenähte Rehleder-Handschuhe angeboten, im Tausch gegen diese Zeichnung:

Handschuhe_694

(via www.ulrichmoritz.de)

Leider war auch diese schon vom Markt. Alle, die damals enttäuscht wurden, sollten sich jetzt unbedingt zum Verlagshaus Unter den Linden begeben. Und auch für die, die nur schauen wollen, lohnt es sich.

Im Projektraum des Verlags, Unter den Linden 40, vom 10. Dezember 2013 bis zum 24. Januar 2014 werktags von 10 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung.

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