Eine Straße. Ein Passant. Im Begriff, diese zu überqueren. Er macht ein paar Schritte auf die Straße und sieht einen Radfahrer kommen. Der Radfahrer sieht den Passanten auf die Straße treten und berechnet anhand dessen Bewegungsgeschwindigkeit den zu erwartenden Überquerungsverlauf. Der Radfahrer ermittelt, an welcher Stelle auf der Überquerungsdiagonale sich der Passant befinden wird zu dem Zeitpunkt, an welchem er diese mit dem Rad kreuzen wird, um ihn nicht anzufahren. Vorausgesetzt, er selbst behält seine Fahrgeschwindigkeit bei und der Passant setzt den Bewegungsverlauf wie geplant fort. Genau das aber tut der Passant nicht. Er sieht den Radfahrer bekommen, erschrickt, bleibt stehen, mitten auf der Straße. Kaninchen im Scheinwerferlicht. Der Radfahrer kann nicht mehr einschätzen, was als nächstes passiert, wird der Passant stehenbleiben, wird er weitergehen, wird er zurückspringen, soll der Radfahrer links oder rechts vorbei oder wird er bremsen müssen? Der Passant seinerseits stellt die gleichen Überlegungen an, soll er stehenbleiben oder weitergehen, wird der Radfahrer vor oder hinter ihm vorbeifahren, wird er bremsen?
Der Energiefluss ist gestört, zwei Existenzen verhakeln sich im Versuch, die Handlung des Gegenübers vorherzusehen, es kommt zum Unvermeidbaren: einem knapp vermiedenen Zusammenstoß.
Hörbare Zeichen des Unmuts werden geäußert, Passant und Radfahrer sind empört. Empört angesichts des Eingeständnisses, nicht allein zu sein auf der Straße, auf der Welt. Beide haben sich in der Planung eines kleines Stückes Lebensweges beeinflussen lassen von der Existenz eines anderen.
Wären sie unbeirrt ihrem Weg gefolgt, sie hätten wahrscheinlich keine Notiz genommen voneinander. Sie wären allein gewesen auf der Welt.