Viele Kinos heißen Odeon. In der griechischen Antike bezeichnete ein Odeon einen runden, überdachten Raum für Konzertaufführungen. Wie ein Amerikaner namens Thomas Tally darauf kam, 1896 seinen Filmvorführraum als „odeon“ zu bezeichnen, ist nicht überliefert. Mit den antiken Horten der Hochkultur hatte sein mit klapprigen Stühlen ausgestatteter Raum in einem Einkaufszentrum jedenfalls nichts gemein. Was Tally allerdings klar war und weshalb er sich von der antiken Tradition auch absetzte, indem er sein Odeon als „nickel odeon“ bezeichnete, nach der Höhe des von ihm verlangten Eintrittspreises.
Ein paar Jahre später verabschiedete sich Thomas Tally von seinem nickeligen Kino und eröffnete 1902 in Los Angeles das erste richtige Filmtheater. Er nannte es „Electric Theater“. Zeitgleich kamen Filmvorführräume auch in Europa in Mode. Dort hießen sie „Lichtspielhaus“, und weil es durchaus prunkvolle Orte waren, schien es auch gerechtfertigt, sie „Odeon“ zu nennen, ohne „nickel“, in Abgrenzung zu ihren schäbigen Verwandten, den Nickelodeons, Ladenkinos, die bald wieder von der Bildfläche verschwanden.
Auch in Lissabon gab es ein Odeon. Es eröffnete 1927 mit „Die lustige Witwe“ von Erich von Stroheim. Heute ist das Gebäude geschlossen, seit ein paar Jahren schon. Wenn sich nicht bald ein Investor findet, wird es abgerissen. Traurig wäre das sicher, ein Drama sicher nicht. Aus der Antike sind auch keine Odeons mehr erhalten, antike Dramen aber schon.