#60
 
 

Lugaggia

by Clemens Tissi

 

Meine Grosstante Filomena sass auf einer Bank unter dem Kaminsims Tag für Tag und schwieg. Im Sommer sass sie vor der leeren Feuerstelle, im Winter schob sie mit einer Eisenstange das glimmende Kastanienholz zurecht.

Filomenas Feuer brannten einzigartig.

Brach sie ihr Schweigen, so vernahm man den längst vergessenen Dialekt des Tessiner Dorfes.

In ihren Jugendjahren, Sommer für Sommer, trieb Filomena die Ziegen hoch zu den Alpwiesen, auf steilen Wegen und sang dabei die Lieder des Tales.

Jahre später sang Filomena die Lieder für ihr Kind, gezeugt mit einem jungen Mann aus dem Nachbarort. Bald nach der Hochzeit und der Geburt des gesunden Knaben fuhr der junge Ehemann an Bord eines Schiffes über den Atlantik nach Amerika, in der neuen Welt einen Ort zu finden für ein gemeinsames Glück. Er fahre voraus, versicherte er Filomena, sie werde ihm mit dem Kind folgen und küsste beide zum Abschied.

Bald war in seinen Briefen keine Rede mehr davon, dass Filomena ihm folgen soll.

Einige Jahre noch trafen aus Übersee Päckchen ein für seinen heranwachsenden Sohn. Dann ein letzter Brief.

Filomena sang und zog den Jungen gross, wurde schweigsamer und schweigsamer, setzte sich auf die Kaminbank, sass da bis sie starb.

 

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