Gestern Abend, Karstadt am Hermannplatz. Verzweifelter Versuch meinerseits, der Verkäuferin mit herzlichen Floskeln ein Lächeln zu entlocken. Natürlich vergebens. Ich glaube fest daran, dass die von Deutschen oft so monierte „falsche Freundlichkeit“ der Amerikaner im Servicebereich den Verkäufern selbst etwas Gutes tut. Schließlich produziert das Gehirn auch Endorphine, wenn der Mensch nur so tut, als würde er lächeln. Auf der anderen Seite weiß ich auch, mit welchen Schrecklichkeiten die amerikanischen Verkäufer zu ihrer Freundlichkeit bewegt werden: „hire and fire“, Abhängigkeit vom Trinkgeld, totale Kontrolle durch die Arbeitgeber und nicht zuletzt bezahlte Denunzianten, die auf den absurden Namen „Mistery Shopper“ hören.
Zwischen 1997 und 2008 ist die Anzahl der deutschen Unternehmen in diesem Bereich von drei auf 112 gestiegen. Ich wusste nicht mal von der Existenz dieser fragwürdigen Praxis, bis ich einen Freund bei der Arbeit besuchte, der beiläufig sagte: „Ich muss kurz der Frau da drüben helfen, die könnte ein ‚Mistery Shopper’ sein“. Ich weiß, dass es dieser Tage gerne unter Naivität verbucht wird, wenn man sich über etwas derartig Banales wie Überwachung oder Denunziantentum echauffiert. Ich ärgere mich trotzdem darüber, dass so ein widerwärtiger menschlicher Impuls professionalisiert wird. Dabei werden die Testkäufer noch nicht mal gut bezahlt: „Viel verdient sie nicht, aber ihr macht die Arbeit Spaß“, berichtet ein Artikel in der SZ von 2010. Was das für Leute sind, denen so etwas Spaß macht, kann man sich ja vorstellen. Es sagt übrigens auch eine Menge über die Unternehmen aus, die lieber Angst und Schrecken bei ihren Mitarbeitern verbreiten, anstatt über ein angenehmes Arbeitsumfeld nachzudenken.
So nett es ist, „Have a good day, Honey“ im Supermarkt zu hören – wenn diese Herzlichkeit durch Einschüchterung erreicht wird, ist mir die schlecht gelaunte Verkäuferin am Hermannplatz immer noch lieber. Und irgendwann bewege ich sie auch noch zu einem Lächeln.