#60
 
 

Mittwoch

by Pippin Wigglesworth-Weider

Im Traum sah er aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte, als ich vor seiner verschlossenen Tür stand. Mich umgab eine Projektion des Erdreichs, über meinem Kopf das mächtige Fundament, auf dem das Hochparterre sitzt, und etwas weiter von meinen Augen entfernt, die Umrisse des Öltankraums. Zwei graue Quader mit der Textur von Mürbteig. Vielleicht war es die Textur des Erdreichs, die ich sah. Die Elemente der Projektion waren transparent, die Oberflächen überlagerten sich. Jetzt sah ich deutlich, dass unter dem Hochparterre tatsächliche keine Keller, sondern bloss das Fundament liegt. Auch die Umrisse der schmalen Treppe waren gut sichtbar. Die Stufen wurden in das Fundament eingekerbt. Die unterste Stufe der Treppe und die untere Grenze des Fundaments kommen einander sehr nah, man ist hier direkt über dem Erdreich, und an dieser Stelle stünde man vor der Tür des Öltankraums. Der Raum hat kein eigenes Fundament, er liegt in der Erde wie ein Sarg. Die Umrisse der anliegenden Gebäude waren nicht zu sehen. Gerne hätte ich den Öltankraum aus der Perspektive seiner Nachbarschaft betrachtet, aber vielleicht hätte das nur alles verdorben. Ich drehte die Projektion mit meinen Händen, verkleinerte sie, vergrösserte sie, dann fielen die Umrisse des Hochparterre und der Treppe weg. Wahrscheinlich hatte ich eine Einstellung der Projektion verändert. Es waren nur noch die Umrisse des Öltankraums zu sehen. Ich versuchte ihn so zu wenden, dass er mit seinem Eingang vor mir zu liegen kommt, damit ich ihn betreten könnte, aber es funktionierte nicht, die ganze Projektion klemmte. Dann hatte ich die Idee, meine Augen zu schliessen. Dies brachte mich aus der Projektion in die Wirklichkeit, ich stand in der Mitte des kleinen Raumes. Er war komplett dunkel, ich sah nichts, hatte aber ein präzises Gefühl für seine Ausmasse. Falls mein Traum verlässlich ist, hat der Raum eine Länge von vier Metern, eine Breite von zwei und ist etwa Einsachtzig hoch, besser gesagt, nicht ganz so hoch wie ich. Ich spürte die Decke in meinem Kopf, eine angenehme Kühle, die in mein Gehirn strahlte, ähnlich wie ich meinen eigenen Tod in Träumen erlebe. Die einzigen Öffnungen, die ich ebenfalls nicht sah, sondern spürte, gehen zu einem Schacht innerhalb der Aussenmauer, der einst Rohre zum Hochparterre und zur erste Etage führte. Für Ölbewegungen, vermutlich. Für Jémand wäre der Raum gut geeignet. Wenn ich Jémand einstelle, achte ich immer auf seinen Körper. Er darf nicht zu klein, aber auch nicht zu gross sein, sonst bricht in den Bewegungen zwischen Körpern, Ware und Raum die vorgefertigte Harmonie. Jémand ist immer zwischen Einssechzig und Einssiebzig, das ist eine Konsequenz der vielen Räume, welche diese Branche ausmachen, und deren Durschnitt das Mass für jeden neuen Raum setzt. Ich war zehn Zentimeter zu hoch während der Jahre im Keller, vielleicht ist auch dies ein Grund für meine Bitterkeit. Mein Kinderarzt prognostizierte die Grösse meines ausgewachsenen Körpers, ich erinnere mich genau an mein Gefühl, ich war beruhigt, dass ich einmal über dem Durchschnitt liegen würde. Damals ahnte ich noch nichts von der Existenz dieser Branche, hier, von der standardisierten Infrastruktur, die sich durch eine Art von Mensch erlebt, der gar nicht in der nötigen Anzahl vorhanden ist. Weshalb ich trotz meiner Grösse jede Bewegung mitgemacht und mich total verstellt habe. Ich bin nicht sicher, was dies für unseren Öltankraum bedeutet. Vielleicht ist er der geeignete Ort für das erste Bühnenstück, die erste Simulation des neuen Raums.

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