Tiefer musst du fallen, so tief, dass du im Spiegel dich selbst nicht erkennst, warte nicht darauf, bis dich das Alter entstellt, vergiss deine hübschen Pläne, mach dich kaputt. In unserer Branche sagen sie es auch. Geh auf die Strasse und leg dich hin, öffne das Fenster und spring hinaus, falls du eine Klippe sieht, stürz dich hinunter. Oder eher, was auf dasselbe kommt, geh durch die Wand. Vier Meter waren es, Jémand, die Treppe ist unter mir zusammengebrochen. Aber es half nichts, oder vielleicht wird der Unfall später erst Folgen zeigen. Es war keine Absicht, ich habe den Sturz nicht gewollt, habe aber auch nichts gelernt, nichts verstanden. Meinst du vier Meter waren zu wenig. Höher war die Treppe einfach nicht, und was wusste ich, dass sie kollabieren würde, sobald ich sie betrete. Sonst hätte ich mir denken können, dass vier Meter nicht genügen. Es bleibt ein Unfall, ein Ereignis ohne Konsequenz für die Ordnung, zu der man schnell schnell zurückkehren möge. Acht Meter und es wäre ein Opfer gewesen, ein Deal. Acht Meter und vielleicht hätte der Deal für uns beide gereicht. Ich bin für nichts gestürzt, ich wünschte du würdest das verstehen, Jémand, freu dich doch nicht darüber, dass ich mir nichts gebrochen habe, deine Gefühle wirst du schon noch brauchen. Es hat uns ja nichts gebracht. Reichen die Prellungen nicht dafür, dass alles gleich bleibt. Nicht einmal das, unsere Arbeit macht sich rückgängig. Merkst du nicht, wie das Gebiet um uns herum wächst, die Millimeter, deren wir uns sicher waren, sich ausdehnen, langsam zu Zentimetern und endlosen Strecken werden. Siehst du diese gähnenden Löcher. Letzte Woche steckten dort noch unsere Treffer. Immer weniger Hinweise wird es geben, an denen wir die Stelle ausmachen, die unsere Schüsse getroffen haben, wir werden wieder ahnungslos sein. Wir haben die Bewegungen abstürzen lassen, so schnell geht das. Jémand, stell dir vor, ein Zug von Kranichen, oder Kampfjets im Formationsflug, eine Bewegungskette, über deren Ursprung sich die Wissenschaft nicht sicher ist, die sich seit Jahrmillionen in der Luft hält, die nebenbei noch all uns aus dem Sumpf gerissen hat, die vor unseren Augen ihren Antrieb verliert, eine Formation, die sich in einzelne Bewegungen auflöst, die beginnen zu schaukeln und zu driften bis die Wirbelschleppe abbricht und der Wind mit ihnen spielt, bis sie ihre letzte Kraft verlieren und einzeln auf die Erde stürzen. Aber das hat doch auch etwas Schönes, findest du nicht. Ich weiss nicht, Jémand, vielleicht ist es an der Zeit, dass wir unsere Möglichkeiten abwägen, von etwas werden wir wohl leben müssen. Oder geht es uns noch zu gut, um klar denken zu können. Meine blauen Flecken sind nicht richtig ausgewachsen, sie sind graue Schatten geblieben die jetzt schon verblassen. Ich könnte hinken, aber mein Gewissen sagt Nein. Und du. Falls du Schmerzen hast, gibt dir keine Mühe sie zu überspielen. Falls wir noch nicht in der Talsohle unserer Krise angekommen sind, müssen wir den Prozess beschleunigen, wir müssen so schnell wie möglich zur tiefsten Stelle sinken. Dafür ist unsere Beziehung natürlich noch zu professionell, mein lieber Jémand. Das muss dir klar sein. Oder hast du gedacht, der Moment in dem wir in einem Arbeitsverhältnis zueinander stehen, ist getrennt von Momenten, in denen unsere Gefühle von nichts als einander abhängig sind, wir einander über das Mass Liebender hinaus nahe kommen, unseren Ekel voreinander pervertieren, bis uns das erregt. Nein, das habe ich von Anfang an geahnt, im Strom verbinden sich die Wahrheiten einzelner Bewegungen. Dass intime Bewegungen einander kreuzen werden, war von Anfang an wahrscheinlich, oder hast du etwa eine bessere Idee.