#60
 
 

my editor an sich

by Armen Avanessian

bernd is by far the most amazing editor i know. i’ve known him for some years now and he’s so far saved quite a number of my books from being totally incomprehensible. when i first met him he announced that at some point he always knows a book better then the author – and i thought ‘well…, at least he’s got a healthy self-confidence’. but it’s all true. now, every time he works on a book of mine, i think (at least once): ‘i hope he will guide me out of this labyrinth, because no one else can’. that’s what usually happens after he breaks things apart into pieces before rearranging everything. and then there are his comments.

basically after his first reading he usually sends me back a 250page manuscript with another 100pages full of comments, full of suggestions, questions, criticism. and then the work begins. and the suffering of course. and the fun.

and then, like yesterday, there are his (stunning, amazing, funny, weird etc.) emails, which are always a sign of him helplessly ‘becoming the book’:

“beim Widerkäuen des zweiten Kapitels ist mir eine Idee gekommen, die ich in den Kommentar geschrieben habe, die dort aber einfach zu lang ist, daher hier in einer separaten Zwischen-Mail:

Um zu zeigen, dass Subjekte auch Signifikate sind (dass also das Subjekt für die Bedeutung EINSTEHT, die es hervorbringt, bzw. dass der poietische Akt ein vom Subjekt erzeugter ist, bei dem freilich das Subjekt die Funktion des Interpretanten einnimmt etc.) können wir das Beispiel wieder aufnehmen, das Quine bringt, um das Auseinanderfallen von physischer und sprachlicher Welt zu illustrieren: Dr. Johnson, der einen Stein mit dem Fuß wegtritt.

Ihr habt Quines Dr.-Johnon-Anekdote mit der sokratischen Frage bedacht, was denn dafür spricht, dass es ein Stein war, den Dr. Johnson weggekickt hat. Die Frage ist ganz einfach zu beantworten: Was dafür spricht, ist, dass Quine es so erzählt. Er sorgt (qua Syntax) gerade dafür, dass es ein Stein war, den Johnson weggetreten hat. Anders gesagt: Er übernimmt die Verantwortung dafür, dass es ein Stein war, er steht für den Stein ein – und dabei ist es ganz irrelevant, ob es sich um eine (erfundene) Anekdote handelt oder ob Dr. Johnson wirklich irgendwann einen Stein getreten hat, und ob es sich dabei möglicherweise in Wahrheit um ein Stück Bernstein oder einen Lithops gehandelt hat.

Dass Quine dieses Beispiel überhaupt anführen kann, um seine These zu illustrieren, zwischen Realität und Sprache bestehe eine unüberbrückbare Kluft, widerlegt ihn und bestätigt eure These, dass das Subjekt für die Wahrheit, die es (sprach-poietisch) schafft, einstehen muss: Wir sind (nicht wahr?)  gerne bereit, Quine und sein Beispiel ernst zu nehmen: Es war in der Tat ein Stein, den Dr. Johnson weggetreten hat, und damit hat er in der Tat die Realität des Steins bewiesen – freilich hat Quine mit seinem Beispiel zugleich den Beweis angetreten, dass die Realität, die Dr. Johnson damit bewiesen hat, eine ist, die durch Sprache überhaupt erst beweisbar ist, weil sie nämlich durch Sprache entsteht – natürlich entsteht nicht das wegtretbare Ding durch die Sprache, sondern die Sprache macht aus diesem Ding einen Stein, dessen Realität Dr. Johnson beweisen kann, indem er ihn wegtritt.

Für Quine selbst würde dann (wenn ihr seine Anekdote wieder aufnehmt) gelten, was ihr allgemein für das Subjekt innerhalb der sprachanalytischen Philosophie sagt:

Obwohl dem Subjekt also eigentlich nur die Rolle des Sündenbocks oder Trägers des Widerspruch zugedacht war, wird schnell deutlich, dass die Idee von einem Subjekt der Semiose weitreichende Folgen hat.

Quine kann als das Subjekt der Semiose gelten, die er betreibt, um zu zeigen, dass Referenz nichts mit der Sprache zu tun hat bzw. dass man innerhalb der Sprache nicht auf die Realität stößt: Es WAR ein Stein, den Dr. Johnson weggetreten hat, weil Quine sagt, dass es ein Stein war.(Ich lese eure sokratische Frage also als maieutische – Sokrates will ja immer, dass sein Gegenüber was lernt, und hier ist zu lernen, dass es keinen Zweifel daran geben kann, dass es sich um einen Stein gehandelt hat.) Wenn wir freilich verstanden haben, dass es (auch) ein Subjekt der Semiose gibt, dann sehen wir, dass das Dr.-Johnson-Beispiel uns etwas ganz anderes zeigt, als Quine damit zeigen will. Quine ist damit nicht nur der Sündenbock, der die Irrwege der sprachanalytischen Philosophie bis zum Schluss nimmt. Obwohl ihr ihm diese Rolle zugedacht habt, zeigt er (weil er als Subjekt der Semiose auftritt) auch, welch weitreichende Folgen man ziehen kann, wenn man die Rolle des Subjekts der Semiose übernimmt. (Dass es “falsche” Folgen sind, ist in diesem Zusammenhang irrelevant bzw. steht auf einem anderen Blatt, weil das nichts an der Produktivität ändert.)

Wir können auch (aber das würde zu weit führen und ist jetzt nicht mehr Teil meines ernst gemeinten Vorschlags) Quine ausschalten und “näher an die Ereignisse” gehen. Stellen wir uns also vor, dass wir als Zeitzeugen dabei waren, als Dr. Johnson seinen folgenschweren Schritt vollzog. Wir stehen also neben Dr. Johnson, der mit dem Fuß ausholt, tritt und sagt:
– „Wie ihr seht, ist dieser Stein, den ich weggetreten habe, real. Das seht ihr nämlich daran, dass ich ihn weggetreten habe.“ (Dr. Johnson meint also – dies nur nebenbei bemerkt – Realität mit Wegtreten.)
Nun können wir uns fragen: „War es wirklich ein Stein?“ Oder, besser noch, fragen wir Dr. Johnson, da wir ja jetzt näher an der Quelle sind, als wenn wir uns das ganze von Quine erzählen lassen:
– „Dr. Johnson, altes Haus: War es wirklich ein Stein, den Sie weggetreten haben? Und nicht vielleicht doch ein Lithops oder ein Stück Bernstein?“
– „Was soll die Frage – ihr habt doch verstanden, was ich meine, oder? Dieses Ding da – Stein, Bernstein, Lithops, Schildkröte – war/ist real. Deswegen konnte ich es ja überhaupt wegtreten. Außerdem hab ich mir den Zeh dabei verstaucht. Ich bin nämlich echt nicht Rooney, shit.“
– „Ja, natürlich haben wir verstanden, wir sind ja nicht blöd. Aber es geht uns jetzt eher um die Frage, ob Sie verstanden haben, was Sie verstanden haben. Was wollten Sie gleich noch mal beweisen? Die Realität irgendeines Dings? Oder um die Realität eines Steins?“
– „Na, dann können wir uns ja erst mal darauf einigen, was von den Dingen, die hier rumliegen, ein Stein ist – den trete ich dann noch mal weg, und schwupsdiwupps haben wir seine Realität bewiesen.“
– „Das können wir gern machen, aber was haben Sie dabei gewonnen? Sie haben zwar wiederum die Realität durch Wegtreten bewiesen, aber die Realität eines Dings, das wir als solches allererst durch Sprache in dieselbe gebracht haben. Also, wieso reden wir überhaupt so viel? Treten Sie doch einfach!“
Dr. Johnson nahm einen Stein ins Visier, holte mit dem Fuß aus trat ihn wortlos weg.Na, jetzt hatte er es uns aber gezeigt, so ganz ohne Sprache hatte er den Stein weggetreten, und der Stein war immer noch real. Wenn das mal kein Beweis war. Oder anders gesagt (nämlich ohne erlebte Rede, von der nicht klar ist, wer darin erlebt und wer darin redet): „Na, jetzt hab ich’s denen aber gezeigt“, dachte er, „so ganz ohne Sprache hab ich den Stein weggetreten, und der Stein ist immer noch real. Wenn das mal kein Beweis ist!“
– „Haben Sie was gesagt, Dr. Johnson?“
– „Nein, nein, ich hab nur so vor mich hin gedacht …“ “

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