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Nieder mit den Jewrhythmics, hoch leben die Jewish Monkeys UND Warum Steve Jobs genau wie Adolf Hitler bereits mit 56 ins Gras beißen musste (2)

by Jossi Reich

In der Zwischenzeit allerdings hatte die Historie ihr Eigenes verbrochen. Während meine allerbesten Lebensjahre verrannen, hatte das Frankfurter Label des Buccovina-Gipsyband-Maestro Shantel sich darauf eingelassen, das Album der Jewrhythmics Anfang 2012 bei sich zu releasen, im niederträchtigen deutschen Feuilleton-Dschungel sorgen alte jiddische Volkswaisen im neuen Disco-Gewand halt zumindest für einen guten Ruf. Vor meinen Jewish Monkeys aber hatte es Shantels Label schon immer gegraut, ich meine, alleine der Name – und dass wir lediglich ein Gesangstrio ohne wirkliche Band waren, zwar mit dem Weltklasse-Produzenten Ran Bagno, einer der wichtigsten Tanz-, Thater- und Film-Komponisten Israels, den jetzt sogar die Oper von Neapel für sich bemühte, aber wen kümmert sowas in der Welt der Pop-World-Massen- und Kommerz-Musik? Das einzige was zählte, war ich, der Förderer aus wohlhabender, absolut unadeliger Familie, einer der Söhne des verstorbenen neureichen Frankfurter Reich. Bewaffnet mit zuviel Kohle, meinem schwächlichen Promotionstalent und meiner unstillbaren Begierde, Gott und die Welt kennenzulernen, verkuppelte ich uns mit BoomPam, der genialen Tel-Aviver Gitarren-Surf-Band, brachte sie, indem ich ihnen scheinheilig Geldscheine zusteckte, dazu, mit uns zu produzieren und zu musizieren, und ergötzte mich daran, wie ihnen immer etwas mulmig zumute wurde, wenn wir Nobodies von den Jewish Monkeys ihnen bei den wenigen gemeinsamen Konzerten die Show stahlen. Der interessante Disco-Synthesizer-Sound-Rahmen der Jewrhythmics konnte unterdessen, wie das nicht nur kluge Leute wie ich voraussahen, keinen Blumentopf gewinnen, es war einfach keiner da, der richtig und tumultartig auf Jiddisch singt – außer mir und meiner Freundin Maria Telnov. Meine ganz normale narzisstische Gier, auf der Bühne zu stehen und zum Sound der 80ies etwas zu tun, was ich während meiner verpassten und verkifften Jugend in den 80ern niemals tat, nämlich den jiddischen Disco-Star zu mimen, riss mich mit fort und kulminierte in zwei Touren durch Deutschland, die ich teilweise selbst organisieren musste, alles ausgerechnet jetzt in diesem Jahr 2013, wo ich bereits ganze 50 geworden war, eh zuviel zu tun hatte und auch noch zweimal die Woche mit meinen Jewish Monkeys in einem Luftschutz-Bunker im Tel-Aviver Vorort Givataim bis spät in die Nacht probte. Ich meine, welche arabische Befreitungsarmee traut sich heute noch, eine Atomstreitmacht wie Israel zu bombardieren? Also werden unsere jüdischen Bunker zu solchen Zwecken zweckentfremdet. Die wenigsten kamen zu den Jewrhythmics-Konzerten im Sommer in München, Frankfurt und Mainz, und jetzt im Herbst in Jena und Erfurt. Das vollbesetzten Berliner KaterHolzig mitten in der letzten Samstag-Ausgeh-Nacht leerte sich in dem Moment, wo ich loslegte, war ich doch absolut beschissen drauf, meine letztens kränkelnde 11jährige Tochter im fernen jüdischen Palästina hatte schon wieder hohes Fieber und Durchfall, am Ende des Abends teilten mir Drummer Oshry Karpel und Keyboarder Iliya Dmitriev mit, daß die Jewrhythmics gestorben seien. Was uns bleibt, ist die Hoffnung, dass mein Regisseur Itay Lev nunmehr eine so richtig fetzige Loser-Road-Movie-Musik-Doku zusammenschneidet aus den Film-Aufnahmen, die er machte, als er uns begleitete, außerdem versuchen wir mit einer eigenen Komposition beim Grand-Prix-Eurovision im kommenden Jahr den ersten Preis einzuheimsen, dann aber ist Schluss. Wir sind doch nicht ABBA, oder? Hahahaha. Am nächsten Abend, wieder im warmen ewig-sommerlichen Tel Aviv gelandet, hatte ich dann mit den neuen Jewish Monkeys unseren ersten Konzert-Run in der berüchtigten Tel-Aviver Nachtclub-Bar Radio EPGB (nach dem Vorbild des New-Yorker Punk-Rock-Club CPGB aus den späten 70ern) – und eben noch am Vorabend Loser, jetzt wieder zu Hause mit einer richtigen Band im Rücken und zwei Gesangskollegen, die meine Amateurhaftigkeit in den Hintergrund, aber meine professionelle Bühenpräsenz in den Vordergrund rockten, rockten wir das Haus. Im März geht es auf Deutschland-Tour, unsere CD kommt, London und New York warten. Meine Frau schrie: Jossi, make me a baby. Und ich musste daran denken, dass sie mir keinen einzigen Jungen gemacht hatte, nur Mädchen, dass wir zu alt waren für sowas und meine Samenleiter durchgetrennt sind, damit weder meine Frau noch irgendein anderer weiblicher Jewish-Monkeys-Fan in der Zukunft Samenklau bei mir betreiben kann. Was für dumme Gedanken.

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