Mit Schrecken stelle ich fest, dass ich unter Ermüdungserscheinungen leide. Vorgestern wurde die neueste „Enthüllung“ im „NSA-Skandal“ bekannt. Ich setze diese Worte in Anführungsstriche, weil mich schon das Vokabular der Berichterstattung ermüdet. Was ist bloß passiert? Noch im Sommer habe ich jedes neu veröffentlichte Dokument gewissenhaft durchgelesen. Ich habe mich leidenschaftlich mit Leuten gestritten, die mit den Achseln zuckten, habe gegen alle gewettert, die das naiv fanden und habe es als meine bürgerliche Pflicht empfunden, programmieren zu lernen. Außerdem war ich voller Bewunderung für Greenwald, Poitras, Rusbridger und Konsorten, die die Medienmaschine gut genug kannten, um die Neuigkeiten nach und nach zu veröffentlichen und damit immer wieder lügende Politiker bloßzustellen. Es ist nicht so, dass sich meine Meinung darüber geändert hätte, aber es fällt mir schwer, die Rage, die mich den Sommer über begleitet hat, wieder hervorzuholen. Die letzte Bundestagswahl hat wahrscheinlich etwas damit zu tun: Ich hatte mir zwar wenig Illusionen gemacht, aber zu sehen, wie gering die Auswirkungen der Enthüllungen wirklich waren, führte dazu, dass meine Wut in Verzweiflung umschlug. Der nächste psychologisch folgerichtige Schritt ist dann wohl die Resignation. Dabei ist das nicht einmal das richtige Wort. Ich bin einfach nur etwas ermüdet. Wenn jemand also das Geheimnis des politischen Äquivalents zum schwarzen Kaffee kennt, bitte ich darum, es mir zu verraten.
Ein Aufputschmittel hätte ich im Übrigen auch gerne für Jahrestage, Jubiläen und vor allem: Todestage. Da setzt die Müdigkeit nämlich schon in einer Art Abwehrhaltung ein, bevor ich die ersten drei Artikel zu Ende gelesen habe. Hiermit gebe ich zu, dass ich heute den ganzen Tag erfolglos versucht habe, mich mehr für Nelson Mandela zu interessieren, als ich das davor tat.