Am Steuer Oshry Karpel, der kleine knackige kernige rothaarige Vollbartträger und Electro-Drummer unserer Band aus dem Tel-Aviver Massenvorort Ramat-Gan. Co-Pilot ist der etwas blutleer-anämisch, aber unbeugsam-ungerührt durch sein Moskoviter Musikerdasein wandelnde Iliya Dmitriev. Eine in sich ruhende Intelligenzbombe, der in geschmackvoll-orthodoxer second-Hand-selection den Kraftwerk-ElektroPop-Look in die nächsten Generationen transportiert. Sein überlanges, das Auge überdeckende Seitenpony und die ausrasierte Ohren-Nachbarschaft jener, modisch immer wiederkehrenden Hitler-Jugend-New-Wave-Friseur machen ihn, während er mit der professionellen Ruhe des Wunderknaben unseren Sound kreiiert, absolut und unantastbar sexy. Neben mir Maria Telnov, die manchmal etwas launische, leicht verkrachte Opernsängerin, im ungewollten Hauptberuf Kunsthändlerin, die in einer Reichen-Leute-Gallerie im schmucken Tel-Aviver Hilton ihr Dasein fristet und ihren Lebensunterhalt verdient (das Hilton wurde übrigens in den 70ern aufgebaut, auf einem, an lukrativer Küstenklippe auf´s Mittelmeer hinausschauenden, stadt-nördlich gelegenen Grundstücks, wo sich einstmals ein arabischer Friedhof befand. Ja haben denn diese Israelis überhaupt keine….) Maria hat Angst, schwanger zu sein, weil sie letztens einmal die Pille vergaß, es aber wohl auch will. Ihre Eltern brachten die postpubertierende Schönheit vor anderthalb Jahrzehnten aus dem unwirtlichen ukrainischen Dnjepropetrowsk in unser sonnig-biblisches Milch-und-Honig-Kriegsland (was für ein geiler ukrainischer Zungenbrecher, dieser Stadtname. Sagt es einige Male hinterneinander, sagen wir mal acht Achtungs-fordernde Male, also los jetzt: Dnjepropetrowsk Dnjepropetrowsk Dnjepropetrowsk Dnjepropetrowsk Dnjepropetrowsk Dnjepropetrowsk Dnjepropetrowsk Dnjepropetrowsk. Ihr werdet merken, wie eure Zungenmuskel, der unmittelbar mit dem nach unten ins Innere unserer Verdauungsapparatur hinabführenden, weiteren Muskel-Innereien, sich durch diese ukrainische Wortübung stärken. Wirklich, ehrlich, fragt die nächste Stimmen-Ausbilderin in eurer Nachbarschaft). Maria, jetzt also Tel-Aviverin, die auf diese seltsamen jiddischen Disco-Abwege geriet, es haßt, weil sie, als ehrsame, russische, stolze, ausgebildete Gesangslehrerin nie zuvor mit Mikrophon sang, aber es liebt, weil es die Sprache ihrer Oma ist, deren Jiddisch sie nie verstand; auch den Disco-Sound mag, weil der sich so eigentümlich harmonisch an die jiddischen Volkswaisen schmiegt. Und ich muss euch sagen, meine lieben Fraind, wie man auf Jiddisch statt „meine lieben Freunde“ sagt, obwohl sie am Anfang kein Wort davon verstand und auch jetzt nur halbwegs, sie singt es so famos und gefühlig, daß mir jedes mal vor Wohlgenuß schwindlig wird, sie singt es so so so traurig wie meine vergaste Tante, wäre die Sängerin geworden. Okay okay okay, Scheißwitz, aber moment!! Cheike, die kleine Schwester meines gottseeligen Papas wurde im Vernichtungslager Belsecz ermordet. Ob sie nun vergast wurde oder irgendwie anders um´s Leben kam, kann ich so mit Sicherheit nicht sagen, insofern bleibt das Schandmal der Effekthascherei tatsächlich an mir hängen, aber ihr könnt mich alle mal. Belsecz, wo man sich im übrigen der gesamten Familie meines Vaters annahm, und überhaupt des – falls ich mich nicht irre – größeren Teils der galizianischen Judenpopulation; Belsecz gelangte zwar nie zum Ausschwitzer Weltruhm, aber Vernichtungslager bleibt Vernichtungslager, oder? Ist doch so, oder?? Hinter mir im Mini-Van sitzt Itai Lev, ein Tel-Aviver Filmemacher, der letztens vom übermäßigen Biertrinken etwas aufgedunsen ist, aber die gleichen tiefliegenden Augen wie ich hat, weswegen wir im Tel-Aviver Nachtleben immer wieder verwechselt werden. Er versucht aus unseren bislang zwei Deutschland-Touren einen kleinen Dokumentar-Film zu basteln. Wie auch immer Mister White, zurück zum Tatbestand bißchen Werbung in eigener Sache. ES IST noch nicht mal Werbung in eigener Sache, es ist ebenso literarisches Schaffen wie all das andere literarische Schaffen, halt im Rahmen der Notwendigkeit der Erstellung eines Promotions-Text. Das kannst Du mir nicht abschlagen, mein lieber Diez. Der Fluch des immer noch nicht arrivierten Messias, auf den wir deshalb von Hoffnung angetriebenen Juden seit Jahrhunderten hoffen, wird sonst über Dein immer noch kohleschwarz-haariges Haupt kommen (Du willst nocht nicht im Ernst behaupten, daß Euer Gekreuzigter der Messias war? Come on, alter Knabe, guck Dich um, der muß erst noch kommen, da haben wir Juden einen echten Punkt. Apropos, kohleschwarzes Haupthaar, wann wirst Du eigentlich endlich ergrauen, alter Knabe, wird langsam Zeit. Hahahahaha) Außerdem mein lieber Mister White äähhh Diez, … außerdem leidet meine Tochter immer noch an Bauchschmerzen und Durchfallattacken, einem Reizdarm-Syndrom anscheinend, geschuldet wohl auch ihren anfangspubertären Wachstumsschüben, aber vor allem der leider allzuoft kindesüblichen ungesunden Weißmehl- und Milchlastigen Kommerz-Ernährung, an der ich als maßgebliches Elternteil mit Schuld trage. Ferner ist meine Frau seit Ewigkeiten unbefriedigt, meine Mutter seit 8 Jahren dement und feiert jetzt am 10. Dezember, ohne sich dessen im Geringsten darüber im klaren zu sein, ihren 90sten, drei Tage wohlgemerkt nach dem Pearl-Harbor-Tag des historischen 7. Dezember, der sich nun zum 72. Mal jährt. Ich meine, hätten diese bescheuerten Nippon-Krieger mit dieser schon recht provokativen Versenkung der US-Pazifik-Flotte nicht die USA in den Krieg gezogen, wäre dieser Planet eventuell wohl tief tief in die nazi-deutsche Hundescheisse geschlittert, weil die amerikanische Öffentlichkeit bis dahin gar nicht wirklich gewillt war gegen die eventuell das sowjetisch-kommunistische Reich des Bösen vertilgenden Nazi-Deutschen vorzugehen. Mein Vater, lieber Georg, ist seit 13 Jahren im Grab, mein Bruder kinderlos geblieben, meine mittlere Tochter kommuniziert nicht mit mir, weil ich nicht weiß, wie mit ihr umzugehen und mehr an mir, als an ihr interessiert bin; weißt Du was ich meine? Ich leide und fordere Dein Mitleid! Mitleid mit dem im Teutonischen gestrandeten Judenbengel, der ich war, bin, und bis zu meinem Ableben bleiben werde, wahrlich und verwahrlosend, über die erbarmunglosungen am Zahn der Zeit nagenden Dekaden hinweg.
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