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The School of Music (10)

by Igor Levit

Wie kann es sein, dass ein Musikwerk nicht nur zu Tränen rührt, sondern – viel mehr als das – einen Zuhörer zum unmittelbar Mitwirkenden verwandelt und ihm, mir, das Gefühl gibt, der Protagonist zu sein? Wie nur? Man versucht so sehr stark zu sein, Schutzschilde aufzubauen, dagegen anzukämpfen, aber es ist am Ende doch sinnlos: es geschieht um einen. Das macht starke Musik aus, das macht einmalige Musik aus. Unabhängig davon, wie häufig man dieses oder jenes Werk hört, es “schafft” einen jedes Mal von Neuem.
Arnold Schönbergs “Verklärte Nacht” ist so ein Werk. Dehmels Gedicht ist so ein Werk. Man muss sich nur darauf einlassen. Aber ich behaupte, bei diesem Werk hat man gar keine andere Wahl. Es ist stärker als man selbst. Das Thema ist stärker als man selbst. Ist es naive Hoffnung des Mannes am Ende, wenn er der Frau, dem Weib, sagt, ihr Leben, unabhängig davon, auf welchem Felde es gesät war, ist sein Leben? Ist es naiv, dass er die Entscheidung trifft, seine Existenz, seinen Grund darin zu sehen, mit ihr zu sein? Oder ist es das einzig Richtige?
Ich will das Gedicht nicht analysieren, ich will die Musik sprechen lassen. Es ist ein Rausch, ein Sog, der da entsteht. Am Ende dann die Vollkommenheit. Die Verklärung?
Ich weiss es nicht, ich weiss nur, dass mir jeder Ton dieses Meisterwerkes und jedes Wort des Gedichtes das Gefühl gibt, (für mich!) richtig zu handeln beim Ablegen jedweder Schutzmasken.
Und so abgedroschen es klingen mag: Es ist tiefstempfundene Liebe, die mich mit diesem Werk verbindet…die mich leben lässt.
Zu dieser Liebe habe ich gefunden. Ich will sie teilen.

Verklärte Nacht

Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain;
der Mond läuft mit, sie schaun hinein.
Der Mond läuft über hohe Eichen,
kein Wölkchen trübt das Himmelslicht,
in das die schwarzen Zacken reichen.
Die Stimme eines Weibes spricht:

Ich trag ein Kind, und nit von dir,
ich geh in Sünde neben dir.
Ich hab mich schwer an mir vergangen;
ich glaubte nicht mehr an ein Glück
und hatte doch ein schwer Verlangen
nach Lebensfrucht, nach Mutterglück
und Pflicht – da hab ich mich erfrecht,
da ließ ich schaudernd mein Geschlecht
von einem fremden Mann umfangen
und hab mich noch dafür gesegnet.
Nun hat das Leben sich gerächt,
nun bin ich dir, o dir begegnet.

Sie geht mit ungelenkem Schritt,
sie schaut empor, der Mond läuft mit;
ihr dunkler Blick ertrinkt in Licht.
Die Stimme eines Mannes spricht:

Das Kind, das du empfangen hast,
sei deiner Seele keine Last,
o sieh, wie klar das Weltall schimmert!
Es ist ein Glanz um Alles her,
du treibst mit mir auf kaltem Meer,
doch eine eigne Wärme flimmert
von dir in mich, von mir in dich;
die wird das fremde Kind verklären,
du wirst es mir, von mir gebären,
du hast den Glanz in mich gebracht,
du hast mich selbst zum Kind gemacht.

Er fasst sie um die starken Hüften,
ihr Atem mischt sich in den Lüften,
zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.

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