Sommer 1995. “Steine, Würstchen und Sahne.” So sah nach Ansicht unserer knapp zweieinhalb Jahre alten Tochter Rejsale der Haufen aus, den sie da gerade auf ihrem geliebten “Pippi und Kacka”-Topf hinterlassen hatte. Ich, der große, unbekannte Micky Rosenzvajk, den seine hundsgemeinen Freunde bereits seit 20 Jahren einfach nur Pippi statt Micky nennen, ich mähte missmutig an einem dieser fürchterlich ereignislosen Sonntage den Rasen in unserem beschissenen Garten, während meine Frau per Ferngespräch mit einer ihrer Freundinnen in Israel schnatterte; in ihrem hebräischen Kauderwelsch und viel zu laut. Ein unangenehmer Akt, der nicht nur unsere Telephonrechnung weiter nach oben trieb, sondern auch den Blutdruck unserer Nachbarn, die ja, wie die meisten deutschen Nachbarn, nur eins haben wollen, ihre Ruhe.
Stimmt eigentlich gar nicht. Typisch schriftstellerische, auf Vorurteilen basierende Effekthascherei. Unsere Nachbarn sind eigentlich ganz in Ordnung. Was aber stimmt, ist der leidige Tatbestand, dass die nach Tiefgarage duftende Luft diesen ozongeschwängerten und Klima-Katastrophen verheißenden, stickigen Frankfurter Sommertag zu einer ganz normalen, allgemein verträglichen Qual machte.
Unsere Süße konnte das aber nicht weiter bekümmern. Sie war glücklich und stolz über das, was sie da gerade wieder mal geleistet hatte. Ein Problem war die Reinlichkeitserziehung – welch ein widerwärtiger und glücklicherweise heute kaum noch verwendeter Begriff – für sie nie. Ihre Mama und ihr Papa haben allerdings ein Problem, und zwar ein sehr ernsthaftes, nämlich viel zu seltenen und nicht sonderlich geilen Sex. Schuld daran bin ich. Für mich armseligen Perversling gibt es nämlich nichts geileres, als mit monströsen Weiber-Ungetümen zu ringen. Sie sollten mich vorzugsweise um Haupteslänge überragen und mir körperlich überlegen sein. Meine Frau ist demgegenüber, leider Gottes, rein physisch betrachtet, relativ klein und filigran. Statt ihrem Menschenrecht auf sexuelle Befriedigung entgegen zu kommen, entziehe ich mich viel zu häufig meinen ehelich-partnerschaftlichen Pflichten und gehe in meiner äußersten Freizeit ringen. Entzückt über das Unterdrückt- und Besiegt-werden sowie die enormen Arsch-, Titten-, Schenkel- und Muskelmassen, die mich unter sich begraben, spritze ich in jenem heiligsten aller heiligen Männermomente freudejauchzend ab. Lustig, oder?
In den Porno-Videotheken von New York und Paris kann man sich zu diesem Thema hervorragendes Filmmaterial besorgen, und um den Spaß hierzulande leibhaftig zu erleben, begibt man sich am besten in die Bordelle des Frankfurter Bahnhofsviertels oder des weltberühmten Hamburger St. Paulis, wo man bereits für die runde Summe von 100 DM diesen Sonderservice in Anspruch nehmen kann. Die zu Ringerinnen gewordenen Prostituierten behalten dabei in der Regel ihr Höschen an. Den Latex-Pariser, in den der Kunde sich ergießen wird, erhält er selbstverständlich gratis, und die ihn bedienende Zimmerdame zieht ihm das Ding fachmännisch und gekonnt mit Hand und/oder Mund über. Prost.
Aha, ein widerwärtiger Sexist, ein dreckiger Macho, ein zionistischer Zyniker! Meinetwegen. Vielleicht. Aber vor allem auch ein Feminist.
Genau wie jedes vernunftbegabte und intelligente Menschenwesen unserer Zeit sehne ich mich danach, dass die Jahrtausende währende Ausbeutung und Unterdrückung des Homo-Sapiens-Weibchen durch das körperlich stärkere Männchen zu Ende geht, dass die Frauen sich schleunigst die notwendigen Fertigkeiten aneignen, um in die männlichen Machthierarchien hinein zu drängen und diese feminin und menschlicher machen. Und genauso klar ist es mir, dass wir Männer von den Frauen lernen müssen, wie man sanft und zärtlich zueinander ist, damit wir so es vielleicht noch schneller schaffen, den Krieg, diese männlichste aller männlichen Dummheiten, abzuschaffen. Aber jede Entwicklung braucht halt – zum zweiten Mal bin ich gezwungen, “leider Gottes” zu sagen – ihre Zeit.
Archaische Verhaltensweisen, Klischees und Mythen sind nicht einfach so über Bord zu schmeißen, und es war schon immer das falscheste und krankeste, die Gier nach Sex unterbinden zu wollen, oder die Hurerei zu verbieten. Sie ist nun mal tatsächlich so alt wie die Menschheit, wenn nicht gar ein Symptom für die Menschwerdung selbst, für die immer auswuchernderen intellektuellen Fähigkeiten dieser seltsamen afrikanischen Primaten-Spezie, deren wachsenden Sinn für Handel und Tausch und deren genialen Verstand, der sie mittlerweile befähigt, unseren geilen grün-blauen Planeten per simplen Knopfdruck in seine atomaren Bestandteile zu zerlegen.