Das Leben ging unbarmherzig weiter. Die hysterische, deutsche, anti-amerikanische Anti-Kriegshetze während des Golf-Kriegs ging mir am Arsch vorbei. Wäre das alliierte Eingreifen ausgeblieben und es Monate oder Jahre später zum Gemetzel zwischen Israel und dem Irak gekommen, die daraus resultierende Menschenabschlachterei wäre bei weitem furchtbarer gewesen. Aber warum wurden die Kurden, als sich der besiegte Saddam Hussein in seiner Mordgier gegen sie wandte, nicht beschützt? Weil sie im Gegensatz zu denKuwaitis Habenichtse sind?
Auch dass die wenige Wochen später erfolgende Flutkatastrophe in Bangladesch, die wohletwa fünfmal soviel Menschenleben wie der Krieg gegen den Irak verschlang, in den Medien mehr oder weniger unter “Ferner liefen” zu finden war, fand ich absolut beschissen. Über mein Äffchen kam ich an einen israelischen Anwalt heran, der israelische Erbengemeinschaften vertrat, die Anspruch auf Immobilienbesitz in der ehemaligen DDR hatten. Wir hatten Glück. Zwei Objekte konnten relativ unkompliziert und schnell den Familien, in deren Besitz sie sich bis zur Nazi-Herrschaft befanden, zugesprochen werden. Ich konnte sie kaufen und direkt wieder zu weitaus höheren Beträgen weiterverkaufen. Wir hatten uns eine goldene Nase verdient. Plötzlich verfügte ich über finanzielle Reserven, die sich ungefähr auf eine Mio beliefen. Ich wage es bis heute nicht, diese Abkürzung ganz auszusprechen.
Doch je besser meine Geschäfte liefen, desto kleiner, mieser, dekadenter, verantwortungsloser und schuldiger fühlte ich mich. Ich fing an, zu spenden und mich zu informieren. Unicef, Welthungerhilfe, Terre des Hommes, Misereor, und wie sie alle heißen. Heiliger Zorn bemächtigte sich meiner. Seit den Tagen Ludwig Erhards und des Wirtschaftswunders, dass durch den Marshall- Plan so grandios in Gang gekommen war, profitieren wir Westdeutschen bekanntlich vom System der sozialen Marktwirtschaft. Auf dem weltweiten Markt unseres Planeten aber herrschen asoziale Verhältnisse. Warum gab es so was wie den Marshall-Plan nicht für die eigentlich viel unschuldigeren dunkelhäutigen Völkerschaften der südlichen Hemisphäre unseres Planeten, die ja doch Jahrhunderte lang durch einen Menschen verachtenden Kolonialismus gebeutelt wurden?
Der Verfall der Rohstoffpreise kostete den Süden im Zeitraum der 80er Jahre etwa 500Milliarden Dollar, während an Entwicklungshilfegeldern gerade mal ein Viertel dieses Betrags wieder zurückfloss. Während wir beispielsweise Tee, Kaffee, Zucker und andere pausenfüllenden Leckereien preiswert genossen, schufteten die Produzenten dieser Güterfür einen Hungerlohn. Seit Jahren schrien die großen Hilfsorganisationen nach einem Erlass der Schulden für die ärmsten Länder. Allein von den in den 80er Jahren geleistetenZins- und Tilgungsrückzahlungen afrikanischer Länder hätten etwa 200.000 Gesundheitsstationen und genauso viele Schulen gebaut werden können. Es herrschte ein stiller, anonym geführter Wirtschafts-Vernichtungs-Krieg, über den kaum
einer redete, dem aber jedes Jahr Millionen von Menschen wegen unzureichender medizinischer Versorgung und Mangelernährung durch einen unspektakulären, elenden, meist viel zu jungen Tod zum Opfer fielen. Unicef hatte errechnet, dass allein im Jahre 1988 aufgrund der von der Weltbank und dem internationalen Währungsfonds verfügten Subventionskürzungen im Bereich der Gesundheitsversorgung in Afrika etwa 320.000 Kinder zu Tode gekommen waren. Die große Masse der beschissenen Peace-Fighter kam nicht im entferntesten auf die abenteuerliche Idee dagegen aufzujaulen.
Was war mit der schwarzafrikanischen Peres Troika? Angestiftet von der politischen Umwälzung in Osteuropa rebellierten man auch hier seit 1989/90 in über 40 Ländern mit einer Bevölkerung von cirka 400 Millionen Menschen gegen die Potentaten und Diktatoren und versuchte sich im Experiment Demokratie. Doch kaum jemand in Europa nahm dies wahr. Ohne substantielle Unterstützung aus dem Westen war diese Entwicklung jedoch vom Scheitern bedroht. Hätte der Nord-Süd-Konflikt bei den Medien des reichenNordens genauso viel Aufmerksamkeit erregt, wie beispielsweise die Unterdrückung der Palästinenser, welche im Gegensatz dazu nur eine Lappalie darstellte, wäre damit bestimmt sehr vielen Menschen geholfen worden.
Aber was konnte jemand wie ich tun?
Hand in Hand mit meinem politischen Engagement wuchs mein mich Schuldigfühlengegenüber meinen Eltern. Sie waren so glücklich über den geschäftlichen Erfolg ihres Ben-Jochidels, ihres einzigen Sohnes. Sie liebten ihre zukünftige Schwiegertochter, und es fehlte nur noch eins um die Idylle perfekt zu machen. Der heilige Fortpflanzungstrieb. Das Gefühl des Weiterlebens über den Tod hinaus in den Enkeln. “Micky-Jingale, nu,schojn, heirate, gründe eine Familie.” Aber was war mit meiner Libido?! Verdammt, ich wollte anständigen Sex!