Hand in Hand mit meinem politischen Engagement wuchs mein mich Schuldigfühlen gegenüber meinen Eltern. Sie waren so glücklich über den geschäftlichen Erfolg ihres Ben-Jochidels, ihres einzigen Sohnes. Sie liebten ihre zukünftige Schwiegertochter, und es fehlte nur noch eins um die Idylle perfekt zu machen. Der heilige Fortpflanzungstrieb. Das Gefühl des Weiterlebens über den Tod hinaus in den Enkeln. “Micky-Jingale, nu, schojn, heirate, gründe eine Familie.” Aber was war mit meiner Libido? Verdammt, ich wollte anständigen Sex! Im Herbst 91 machte ich kurzen Prozess. Ich schickte Shoshi nach Israel. Meine armen, kränkelnden Eltern waren todunglücklich. Aber sie wurden nicht krank. Diesen Job erledigte ich für sie. Ich hatte es mir in letzter Zeit zur Gewohnheit gemacht, mich ab und zu mit den Fingerspitzen am Türrahmen hochzuziehen. Ausgerechnet als ich vergessen hatte einen Stuhl beiseite zu räumen, rutschte ich ab, knallte auf den Stuhl und brach mir zwei Rippen. Das tat weh. Es war ein schrecklich trübseliger Winter und meine Eltern sprachen mit Absicht nicht von Shoshi. Sie wollten mir nicht weh tun, sie wollten mich nicht unter Druck setzen. “Mach was du für richtig hälst, Jingale.” Sie waren alt und alleine. Es brach mir das Herz.
Im darauffolgenden Sommer heiratete ich Shoshi. Ich war mittlerweile in einer politischen Aktionsgruppe tätig. Wir versuchten in der Öffentlichkeit auf den Bürgerkrieg und die dadurch verursachte Hungerkatastrophe in Somalia aufmerksam zu machen. Ein ganzes Volk ging hier vor die Hunde, aber das schien irgendwie kein Schwein wirklich zu bekümmern. Auf dem Höhepunkt des somalischen Desasters stand ich in irgend einem Kibbuz unter der Chuppa, dem jüdischen Heiratsbaldachin, und als der wehmütige Singsang des Kantors den Segen auf das junge Paar anstimmte, fing ich an zu weinen. Ich weinte nicht so sehr wegen Somalia und auch nicht so sehr wegen meiner alten, gebrechlichen Eltern, die zitternd neben mir standen. Ich und meine Freunde, die in der Mehrzahl mit mir heulten, wir wussten, warum ich eigentlich weinte. Weil ich im Grunde gar nicht heiraten wollte, weil ich noch viel zu jung und zu unreif für diesen Unsinn war.
Erst als der Kacksender CNN gegen Ende des Jahres 92 intensiv über die Katastrophe am Horn von Afrika berichtete, eilten auf Befehl der UNO US-amerikanische Truppen zu Hilfe, die, wären sie einige Monate zuvor entsandt worden, wahrscheinlich einer halben Million, so aber immerhin noch etwa einer Viertelmillion Menschen das Leben retteten. Dass die Geschichtsschreiber unserer Zeit angesichts solcher Zahlen diese Aktion als Fehlschlag bezeichneten, nur weil die Amerikaner beim Straßenkampf in Mogadischu Verluste beklagen mussten, und des Kriegsverbrechers Aideed trotzdem nicht habhaft werden konnten, ist unverzeihlich. Menschen sind halt dumm und lernen langsam.
Im März 93 kam unser Rejsale. So wunderschön und erhebend es auch war, diese süße kleine, biologische Fortentwicklung des eigenen Spermas in den Händen zu halten, irgendwie war es ein Alptraum. Das nächtliche Baby-Geschrei raubte mir den Schlaf, aber im Büro und sonst wo konnte ich auch nicht schlafen, weil ich schlechtes Gewissen hatte, nicht bei meiner Shoshi zu sein. Ich wollte raus, in die Freiheit, Junggeselle sein, Weibern nachstellen, das Rad der Zeit zurückdrehen. Ich fiel in die Pubertät zurück. Auf der Straße drehte ich mich nach allen Ärschen und Titten um, die halbwegs geil aussahen. Zu Shoshis Überraschung ging ich plötzlich sehr häufig schwimmen. Aber statt so wie die anderen Sportsmänner so viel Längen wie möglich zu machen, planschte ich allem Weiblichen hinterher, das kräftig gebaut und bereits im Menstruationsalter waren. “Wow, hast du kräftige Oberarme. Machst du Sport oder so? Lass mal gucken, ob ich beim Armdrücken eine Chance gegen dich hab.” War mir noch zu helfen?