Mein Papa war fast jeden Tag bei uns, saß auf seinem Stock gestützt da und glotzte glücklich und hilflos seine kleine Säuglings-Enkelin an, mit der er eigentlich nichts so recht anzufangen wusste. Eines Morgens, wieder war Winter, gegen Ende des Jahres 1993, wachte er einfach nicht mehr auf. Es war schrecklich. Ich trauerte und konnte mich nebenbei nicht von dem widerlichen Zwangswunsch freimachen, meine Mutter möge ihm baldmöglichst folgen, damit ich endlich guten Gewissens mit meiner Ehe tun und lassen könne, was ich wollte. Als ich dann auch noch nachts gräumte, mein süßes, kleines Rejsale sei gestorben, ohrfeigte ich mich am nächsten Tag vor dem Wandspiegel in der Toilette meines Büros eine ganze, halbe Stunde lang. Mit Shoshi schlief ich in dieser Zeit mehr denn je. Ich machte mir einen miesen, ungesunden Trick zunütze. Ich dachte beim Vögeln an andere Frauen. Shoshi merkte diese Geistesabwesenheit irgendwie nicht, weil sie viel zu gestresst war vom Stillen, vom Baby-Terror in der Nacht und von der Trauer um ihren Schwiegervater.
So wie viele Männer habe ich Krampfadern im Hodensack. Dort verspürte ich etwa drei Monate nach dem Tod meines Vaters, im März 94, ein eigentümliches Ziehen. Der Urologe sah auf dem Ultra-Schall-Gerät einen Tumor im Hoden. Auf dem Operationstisch erwies sich das Ding als bösartig. Semi-Kastration. Keine vollständige, sondern eine halbe Enteiung. Ein Ei blieb mir.
“Mein lieber Herr Rosenzvajk, kein wirklicher Grund zur Besorgnis. Wir sprechen in ihrem Falle noch nicht mal von einem Karzinom, sondern von einem Hoden-Seminom. So was wird in aller Regel geheilt. Allerdings müssen sie sich einer zweiwöchigen Strahlentherapie unterziehen, damit die Wahrscheinlichkeit, dass da noch mal irgendetwas zurück kommt auch wirklich auf ein Minimum reduziert wird.”
Hallo Nachbar, sich schon mal einer Strahlentherapie unterzogen? Morgens in die Klinik, knappe zwei Minuten Bestrahlung, dann nach Hause. Die einen vertragen es gut, die anderen weniger. Ich gehöre zu Letzteren. Ab 12 Uhr Mittags fiel ich tot und erschöpft in mein Bett und kam erst am späten Nachmittag wieder langsam zu mir. Wenn ich mehr als 10 Meter zu Fuß ging, musste ich mich erstmal wieder hinsetzen und ausruhen. Dann noch dieser unaufhörliche Brechreiz. Jetzt, da mein Vater tot war, kam ich mir wie der sterbende Greis vor. Mahlzeit. Ich wurde schlanker als so mancher bosnischer Kriegsgefangene.
Zur gleichen Zeit ging das elende Sterben Hunderter von Menschen im belagerten bosnischen Gorazde durch die Nachrichten. Der gleichzeitig stattfindende hunderttausendfache Massenmord in Ruanda war nur zweitrangig und wurde erst Wochen später als es schon längst zu spät war, in seiner vollen Tragweite begriffen. Ich lag im Bestrahlungsraum und ereiferte mich bei einem medizinisch-technischen Assistenten, der da einem Gerät was zu basteln hatte.
“Verdammt nochmal. Keiner redet davon, dass durch den Kaffeepreis-Verfall gerade in Ruanda ein enormer sozialer Sprengstoff entstanden ist. Ein kleines UN-Kontingent hätte genügt, um Tausende von Menschenleben zu retten und die ganze Situation zu entschärfen:“
“Jetzt hören Sie mir mal zu, mein Lieber. Diese Neger da unten, das sind einfach Wilde. Arbeitsunwilliges, kriegsgeiles Gesocks. Verstehen Sie. Da ist jede Hilfe für die Katz. So. Das ist meine Meinung und zu der steh ich.”
Ich hob meinen Kopf wie ein KO-geschlagener Boxer, der versucht noch einmal hochzukommen und erbrach mich auf dem Kittel dieses besonders widerwärtigen Rassisten-Exemplars moderner Menschwerdung. Politik im Kleinen.
Ich machte lange und ausgiebig Urlaub, in Italien, in Israel, in den österreichischen Alpen, um dann wieder ins Büro zurückzukehren. Ich plätscherte weiter so dahin, ratlos und kränkelnd. Eine Grippe hier, ein Infekt da, ein Virus dort. “Ihr Immunsystem ist geschwächt, Herr Rosenzvajk. Das wird schon wieder.”