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Vom kleinen Pippi Rosenzvajk (3)

by Jossi Reich

Dass ich in den letzten Jahren mit meinen Immobilienschiebereien mehr Geld gemacht habe, als sie alle drei zusammen, stört sie nicht weiter. Dass ich geheiratet habe, finden sie schon ziemlich bescheuert, aber das Kind ist nun mal in den Brunnen gefallen, bzw. Rejsale ist geschlüpft, was soll man also machen. Nur dass ich mich zudem in den letzten Jahren begonnen habe, mitschuldig zu fühlen an der Misere der restlichen Drei-Viertel-Menschheit in der großen, weiten sogenannten Dritten Welt, dass ich ihrer Ansicht nach am Welterrettungswahn erkrankt bin, dass ich davon träume das kranke Gesellschaftssystem der Völkerfamilie des reichen Nordens zu heilen, und dass ich mich vor allem in lange Monologe darüber ergehe, wie das zu bewerkstelligen sei; das geht ihnen schon ziemlich auf die Eier.
Sie sind drei richtige große, kräftige Sportskanonen. Im Gegensatz zu meinen Eltern haben ihre Eltern die Shoah nicht so scheußlich hautnah erlebt. Ihre Eltern waren jünger und viel weiter weg, in Palästina, in Shanghai, in Lissabon.
Als sie mich verängstigtes, blasses, in sich gekehrtes, klein und unsportlich geratenes Einzelkind entdeckten, dessen bereits recht alte Eltern den Krieg sage und schreibe in Auschwitz verbracht hatten, nahmen sie sich aus purem Mitleid meiner an. Daraus wurde dann Liebe. Dan Vojgel, mein ältester und bester Freund – es gibt wenig Weiße, die so dicke Schwulstlippen haben und so gut Basketball spielen können wie er -, hätte mich schon längst in den Schwitzkasten genommen und mir wahrscheinlich den Mund zu gehalten. Er ist ein brillanter Photograph. Er hat bereits in “Geo” und auch schon im “National Geographic”veröffentlicht.
“Pippi, ich rede nicht mit Dir über Politik“, schreit er, wenn ich ihn über die Armut in irgendwelchen tropischen Ländern, die er gerade wieder mal bereist hatte, frage. “Ich denke nicht, ich photographiere nur. Menschen, Tiere und Landschaften. Und du, du bist meschigge.”
Jossl Kogan ist ein begnadeter Fußballer und Kolumnist. Mit seinem Rattengebiss, seinem bösen, fliehenden Blick hinter den dicken Brillengläsern und seinem pechschwarzen schütteren Haar sieht er aus wie eine Juden-Karikatur im “Stürmer”. Mit spitzer, giftiger Feder verdient er sich sein Geld damit, dass er sich über alles Verabscheuenswerte in Deutschland lustig macht. Er verabreicht mir immer knallharte Kopfnüsse und ist mein drittältester und bester Freund.
Shlomke Schulz ist der Intelligenteste von uns und mein zweitältester und bester Freund. Der arme Kerl hat eine verdammt attraktive, leicht primitive, neureiche Israeli-Mutter, die ihm selbst heute noch den Hof macht. Über dieses altbekannte archaische Familiendrama wird er wohl nie mehr hinwegkommen. Er boxt in seiner Freizeit. Wenn ich Mist verzapfe, krieg ich von ihm immer einen für seine Verhältnisse recht leichten, für meine Verhältnisse recht schmerzhaften Klaps auf den Hinterkopf.
Er macht das immer ungeheuer jovial und väterlich, auf eine ganz eigentümliche, bescheuerte und geniale Art. Stehe ich zum Beispiel links von ihm, dreht er sich nach rechts, führt seine rechte Hand weit nach rechts aus, um sie dann in einer abrupten Linksdrehung hinter seinen Nacken vorbei auf meinen Hinterkopf klatschen zu lassen, während er nach wie vor nach rechts in die Ferne blickt. Beschreiben kann man so was eigentlich gar nicht, man muss es sehen. Er ist in der medizinischen Forschung tätig und wird demnächst habilitieren. Bezeichnenderweise beschäftigt er sich mit Krebsgeschwüren im Uterus.

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