Spätsommer 1990. Schon wieder war Jom Kippur, der Tag der Versöhnung, unser heiligster Feiertag. Wir Juden fasteten und versöhnten uns mit Gott und uns selbst. Geil, oder? Ein Jahr zuvor war das Äffchen in mein Leben getreten, und ich hatte es noch nicht einmal so richtig gemerkt. Klar, ich hatte mal wieder eine Freundin. Na und. Sie war unbestritten kleiner, hässlicher und unerotischer, aber auch unberufen lustiger, intelligenter, süßer und hübscher als alles ihr bisher vorangegangene Material. Meine Freunde machten sofort radikal Front gegen meinen Nah-Ost-Import. Sie ahnten natürlich, dass ich, der unbeholfenste, unattraktivste und unfähigste von ihnen, quasi dazu prädestiniert war, als erster meine Junggesellenfreiheit einzubüßen. Sie zeigten ihr judeogermanisches Antlitz von seiner unangenehmsten und fremdenfeindlichsten Seite und triezten meine Schoschana bis zum geht nicht mehr.
Bei der Hochzeit meiner Kusine Zigali in Tel-Aviv hatte ich Shoshi kennen gelernt. Wir gingen aus und nahmen jeder eine halbe Glückspille. Ecstasy. Unter dem euphorisierenden und verliebt machenden Einfluss dieses Gemischs hätte ich mich wohl auch in irgend einen unscheinbaren australischen Wellensittich verknallt. Die ganze Nacht versank ich in ihren Augen, die wegen der mangelnden Beleuchtung logischerweise so schwarz waren, wie das vor dem Fenster mit dem Tel-Aviver Straßenverkehr um die Wette rauschende Mittelmeer und war dabei so froh wie der böse kinderfickende Wolf, der beim kleinen Rotkäppchen endlich zum Schuss kommt. In geistiger Umnachtung stammelte ich immer wieder ihren Namen “Shoshi Glickmensch”, als sei er eine magische Formel und machte ihr voreilig Heiratsanträge. Mein Urogenital-System war durch die Intoxikation sehr nervös geworden. Die Tatsache, dass ich heilige sieben Male aufs Klo musste, um meine Blase zu entleeren, wertete ich als ein Zeichen Gottes. Drogen können halt auch blöd machen.
Meinen kommenden Sommerurlaub verbrachte ich daraufhin in Israel. Der Sex war miserabel, die ganze Beziehung denkbar unerotisch und unromantisch, aber wir verstanden uns prächtig. Dieses kleine Luder liebte mich. So richtig und bedingungslos. Sie rümpfte nicht ihre Nase über meine von Falaffel, Schwarma und anderen orientalischen Leckereien verursachten Blähungen, sondern lachte darüber. Schon nach wenigen Tagen konnten wir ungeniert voreinander pinkeln, kacken und natürlich auch furzen. Es war etwas schrecklich Mütterliches, Unbehaglich-Behagliches an der ganzen Geschichte und so wie stets fühlte ich mich an die Kandare gelegt, im Gefängnis, wollte weg, raus, in die Freiheit, mich für immer aus dem Staub machen. Nur ging das diesmal nicht. Ich konnte nicht über den üblichen Notausgang ins Freie gelangen. Mach, was deine jüdischen Vorfahren all die Jahrhunderte gemacht haben, heirate sie, schwängere sie und bleib bei ihr.
In mir wütete ein Dibbuk, der mir diesen Stuss befahl und ich Depp musste gehorchen. Dieses bestechende, berauschende,heimische Wir-können-relativ-unproblematisch-miteinander-alt-werden-Gefühl erinnerte mich an meine in Streit und Pein miteinander altgewordenen Eltern und deprimierte mich ungeheuerlich. Ich wollte immer jung bleiben und niemals Rentner werden und reagierte in der mir altbekannten Art und Weise mit noch viel vehementerer Masturbation als sonst. Zurück in Frankfurt trieb es mich verstärkt zum Ringen in die Bordelle und nur einige Wochen später kam Shoshi zum ersten Mal in ihrem Leben in das Land Adolf Hitlers.
Die Ereignisse überschlugen sich. Mein sowieso schon seit Jahren bettlägeriger, herzkranker Papa war beim Gang zur Toilette gestürzt und hatte sich das Becken gebrochen. Er wurde operiert und faselte danach noch tagelang von Schlägen, Schmerzen, Eiseskälte, Hunger und Tod. “Tojt”, sagte er immer wieder, “tojt. Se sennen alle tojt. Men hot se alle aweggeharget.” Man hat sie alle umgebracht. Niemals zuvor hatte er über seine Zeit im KZ gesprochen und auch niemals mehr danach. Meine Mutter hatte ungefähr zwei Monate davor aufgehört in der Apotheke zu arbeiten. Mit 65 wird man halt pensioniert.
Sie hätte aber weiter arbeiten müssen. Arbeit macht frei. Zumindest meine Mamme von den Qualen der Erinnerung an ihre ekelhafte Vergangenheit in Auschwitz. Sie fing an, unter Angstzuständen und Panikattacken zu leiden. Nachts, erzählte sie mir, träumte sie immer wieder, dass ihre Familie erneut an der Rampe selektiert wird, diesmal aber sie, so wie damals ihre Mutter, meine Oma, für “nicht arbeitsfähig” befunden und in Richtung Gaskammer beordert wird.