Dann auch noch der äußerst rabiate Verkehrsunfall von meinem Stamm-Dealer Stevie. Stevie war bereits mit 15 ein Fixer und war erst nach knapp anderthalb Jahrzehnten wieder davon runter gekommen. In der Zwischenzeit hatte er eine ganze Menge erlebt. Wenn ich mir bei ihm mein Hasch abholte und wir meist noch eine zusammen rauchten, quatschte er mir die Ohren voll mit den unmöglichsten Storys. Obwohl er zu viel redet, habe ich ihn irgendwie gern. Er ist ein sehr cleverer und zäher Bursche, ein Steh-Auf-Männchen, ein Überlebenskünstler. Im KZ, dachte ich immer, hätte er überlebt und ich nicht. Und vielleicht bewundere ich ihn deswegen so. Von einigen kleinen Ausnahmen abgesehen hatte er in den letzten Jahren die Finger vom Heroin gelassen, doch als er sich nach einem Bluttest sagen lassen musste, dass er HIV-positiv sei, war das einfach zu viel für ihn. Auf dem Nebensitz eine Heroin-Spritze, die er sich in der nächtlichen Stille des Grüneburgparks setzen wollte, raste er unkonzentriert und geistesabwesend bei regennasser Straße mit mehr als 80 Sachen in eine knorrige, stabile deutsche Eiche. Als ich ihn jetzt auf der Intensivstation besuchte, hatte er keine Vorderzähne mehr im Mund, seine Hüfte war angebrochen, sein rechter Oberschenkel, sein linker Unterschenkel und einige Rippen waren gebrochen. Er war so grauselig zugerichtet, wie ich noch nie zuvor in meinem Leben einen Menschen gesehen hatte.
Die zwei Chirurgen, die ihn geschlagene acht Stunden lang operiert hatten, standen draußen auf dem Gang kerzengerade und aufrecht vor mir. Sie sahen frisch, gesund und deutsch aus, und waren beide einen guten Kopf größer als ich.
“Er hat noch mal Glück gehabt, er wird durchkommen, aber er muss in den nächsten Monaten hart an sich arbeiten.”
Vielleicht kam es mir so vor, als stünde jetzt plötzlich ich an der Rampe, und die beiden da vor mir waren die für die Selektion zuständigen SS-Ärzte. Was weiß ich, was in meinem Unbewussten vor sich ging. Jedenfalls fing ich an, am ganzen Leib zu zittern.
So blass und ungesund wie ich aussehe, dachten sie daraufhin wahrscheinlich, dass ich auch ein Junkie wäre. Ich verzog mich auf das Klo dieses wunderbaren deutschen Krankenhauses, in dem schon so viele Menschenleben gerettet worden sind und weinte dort lange und ausgiebig, was ich ja in den letzten Wochen sowieso schon einige Male gemacht hatte.
Ich stieg aus und um. Ich hatte die Nase voll von der gutbezahlten, aber nervenaufreibenden Arbeit als Texter. Die ganzen besinnungslosen Klugscheißer in der Agentur, mit denen ich seit Jahren zusammengearbeitet hatte: “He, Micky, alter Junge, problems with the family, hab ich gehört. Wird schon wieder werden.” “Herr Rosenzvajk, bloß nicht den Kopf in den Sand stecken. Sie wissen ja, es muss immer weiter gehen.” Sie erschienen meiner geplagten, eventuell etwas wehleidig gewordenen Wahrnehmung plötzlich als die widerwärtigsten Goiim auf der ganzen Welt. Fuck the Germans. Zwei jüdische Bekannte aus München waren an mich herangetreten. Sie wollten mit mir zusammen eine Niederlassung ihrer Immobilien-Firma in Frankfurt gründen. Spätestens seit der Kontroverse um das blöde Fassbinder-Stück “Der Müll, die Stadt und der Tod” ist es nicht nur den Antisemiten in unserem Lande bekannt, daß es in Frankfurt eine Handvoll potenter jüdischer Immobilien-Kaufleute gibt. Das sollte unser Stamm-Klientel werden. In der Gemeinde kannte man mich. Man vertraute mir. Obwohl mich dieser Job von Anfang an ankotzte, wollte ich nur eins, Sicherheit und … Geld.
Und ich sollte Erfolg haben. Allerdings erst später. Zunächst einmal aber war es eine schwere Zeit. Ich musste stundenlang am Telephon abhängen und dabei auch noch nett, höflich und smart sein, rannte Projekten hinterher, die in der Mehrzahl fehlschlugen, musste mich um meine kranken Eltern kümmern und war in einer Beziehung, die mich nicht glücklich machte, aus der ich aber auch nicht heraus konnte. Oder wollte?
Wenn ich nicht zur Beruhigung meiner gestressten Seele in dieser Phase besonders viel Haschisch geraucht hätte, wäre ich wahrscheinlich gezwungen gewesen auf irgend so ein psychopharmakologisches Anti-Depressiva-Teufelszeug zurückzugreifen.