Riva Jakubowicz, die, so wie ich mit einem polnischen Elternhaus gesegnet, in die ich, wenn auch aussichtslos, wohl mein Leben lang verliebt sein werde, eine vielversprechende Jura-Studentin, die mit ihren semitisch-wollüstigen Lippen irgendwie an Jassir Arafat erinnert – eine Entdeckung, die Shlomke Schultz gemacht hatte, nachdem sie ihm in irgend einer verwahrlosten Orgiennacht wider seinen Willen einen geblasen hatte – meine Riva vergöttert im Grunde Dan. Der lässt sie aber nur selten ran. Er braucht seine Freiheit, sagt er. Er kann sich nicht emotional binden. Schließlich ist er berufsmäßig viel unterwegs. Vielleicht mal in zehn Jahren, wenn sie ihm dann nicht zu alt geworden ist. Unterdessen konnte es hie und da auch schon mal passieren, dass der alte Schwerenöter mit Myriam Mann vögelte, unter anderem deshalb “weil die so besonders extrem geile Bongos hat”, wie er mir zuraunte.
Aber all den daraus resultierenden Eifersuchts-Krimskrams zwischen der unaufhörlich an ihren Fingernägel kauenden, nikotinsüchtigen Malerin Myriam, deren schauderhafte Gemälde immerhin schon in einigen ganz guten Galerien ausgestellt wurden, und der fleißigen Riva Jakubowicz, die mal eine streitbare Juristin werden möchte, ist es dann schließlich so weit gekommen, dass auch diese beiden – nicht nur aus Liebe, sondern meiner Meinung auch aus einer frauensolidarischen Trotzreaktion heraus – miteinander ins Bett gehen, und sie tun das nicht zu selten. Zwei jüdische Mädels, die eine lesbische Beziehung miteinander haben. Auch so was gibt es in unserer Frankfurter Spießer-Gemeinde. Mit so Dreiecks-Spielereien kann man sich schließlich als junger, gesunder,
aufgeklärter, emotional einigermaßen stabiler Mensch ganz phantastisch seine Freizeit ausfüllen.
Auf alle Fälle haben alle drei, so wie ich sie da gerade beschrieben habe, mich irgendwann einmal vernascht. Nicht ich sie, sie mich. Natürlich vor allem um je nachdem Dan, Jossl oder Schlomke eifersüchtig zu machen. Ich war chancenlos. Diese Mädels waren so groß,so jüdisch und so intelligent. Jedes mal verfiel ich arme Seele stupiderweise erneut in unreflektierten Liebeswahn. Großer Gott, endlich einmal eine anständig gebaute Nicht-
Schickse, die ich mit nach Hause nehmen konnte, die nicht nur Stroh im Hirn hatte, mit der ich echte jüdische Kinder haben konnte, um so doch noch endlich diesen deprimierenden, vom Glück der Außenwelt isolierten neurotischen Holocaust-Familien-Einzelkind-Dreierlei, in dem mein Unglück verankert ist, wieder die Perspektive einer normalen Familienentwicklung zu eröffnen. Träume, die in diesem Falle tatsächlich Schäume waren. Tief innen drin wusste ich doch ganz genau, dass jede einzelne, so gerne ich sie und sie mich auch haben mochte und so gut wir uns auch verstanden, im Grunde nichts für mich war, sie eh nicht wirklich auf mich standen und mich eh nur als Mittel zum Zweck missbrauchten. Ob es nun Eva, Myriam oder gar meine geliebte Riva war, eine jede verließ mich nach nur wenigen Wochen relativ freudloser Fickerei. Ich stand mit gebrochenen Herzen da, kroch zu meinen Kumpels, um mich bemitleiden zu lassen, aber stattdessen erntete ich nur Hohn und Spott. Oh Gott,
a Charpe und a Bische, wie man im Jiddischen sagt, Schande über Schande. Wie ich mich von “Weibern” nur dermaßen schlecht behandeln lassen würde! Dass ich mich nicht schäme, am Ende selbst wie ein Weib dazustehen.
In so mancherlei Beziehung sind meine Freunde halt sehr primitiv. Zu allen Zeiten war es schwer, sich dem Rollenspiel der Gruppe zu entziehen, und ich bin halt der Verlierer, der Unterlegene, das Gruppenopfer, die letzte Instanz, der Mülleimer, der den psychodynamischen Abfall am Ende schlucken muss. Nicht nur deswegen begegneten Riva, Myriam und Eva meiner Shoshi, die mit dem festen, erklärten Willen hierher gekommen war, mich
nach der notwendigen Testzeit von ein bis zwei Jahren Miteinanderzusammen-Wohnens zu heiraten und Kinder von mir zu empfangen, mit Arroganz und Hochmut. Schlecht wie Menschen halt sind, betrachteten sie mich sozusagen als ihren Liebessklaven, ihr Eigentum, was so unrichtig ja auch nicht war. Sie waren die einheimischen Prinzessinnen und meine Shoshi quasi der weibliche Thai-Import des Loosers, der zu Hause eh nichts abbe-kommen hatte. Hart, aber wahr.