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Vom kleinen Pippi Rosenzvajk (8)

by Jossi Reich

Und als dann der leicht besoffene, fast zwei Meter große Basketballer-Crack Dan Vojgel bei irgend einer bescheuerten Tanzparty meine Shoshi kurzerhand auf einen Stuhl hob, damit sie endlich mal gleichgroß waren und er sich beim Tanzen nicht andauernd zu ihr runterbeugen musste, wir alle auf den Boden fielen und uns vor Lachen kugelten, fing Shoshi, wohl genau wegen dieser unangenehmen gruppendynamischen Hintergründe an zu weinen. Sofort fielen wir über sie her, buhten sie aus, das sei doch alles nur Spaß, sie solle sich nicht so anstellen, worauf sie unerwarteterweise urplötzlich vom Heulen ins Lachen kippte, wir daraufhin noch umso mehr lachten, und Dan sie von da ab jetzt eigentlich bei jeder Party irgendwann einmal kategorisch auf den Stuhl hebt und eine Runde mit ihr tanzt. Angewandte Psychokatalyse.
Die größten Probleme hat Shoshi mit Schlomke, unserem begnadeten Uteruskrebs-Forscher. Er war ihrer Meinung nach ein völlig schief geratener Marcello Mastroianni-Abklatsch. Schon seit Jahren war er mit der nichtjüdischen Fanni zusammen, verließ sie und kam wieder zu ihr zurück. Hin und her. Bestrafte sie hemmungslos für die niemals ausgeübten Schandtaten seiner Mutter. Betrog sie immer wieder mit irgendwelchen gutaussehenden, hirnlosen Scheißvotzen – Zitat Fanni – und hatte sie noch nie auf irgend eine
jüdische Hochzeit, einen Ball oder eine Familienzusammenkunft mitgenommen. Noch nie. Wir nahmen das alles gleichgültig hin. Was sollte Shlomke schon machen? Er war ihr anscheinend sexuell verfallen, und Fanni hatte auch nicht unbedingt alle Tassen im Schrank. Als Kind hatte ihr Alkoholiker-Vater sie immer wieder verprügelt, bis ihre Mutter ihn verließ, und bisher hatte sie so gut wie alle Männer, mit denen sie jemals was gehabt hatte, mit ihren cholerisch-provokativen Tobsuchtsanfällen dazu gebracht, sie irgendwann mal zu schlagen. Wovor Schlomke sich hütete wie vor dem Zünden der Atombombe. Er selbst wiederum steckte in einer recht komplizierten Mutterbeziehung. Wir sahen keinen Sinn darin, ihn anzuklagen. Schließlich und endlich liebten wir ihn, unseren jüdischen Freund, und nicht so sehr Fanni, seine deutsche Freundin. Dieser Rassismus im Kleinen hätte Shoshi fast dazu gebracht, mich zu verlassen. Aber sie blieb.
Zu alledem überschütteten wir meine bemitleidenswerte Shoshi auch noch mit widerlichen Judenvergasungswitzen. Bei dem traditionellen Knaller: “Wieviel Juden passen in einen VW-Käfer? Fünf auf die Sitze und eine Hundertschaft in den Aschenbecher”, oder als wir an Weihnachten leise summend durch die leeren Straßen zogen und dabei “Advent, Advent ein Jude brennt, erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, der letzte schließt die Ofentür” von uns gaben, waren das beides erneut Szenen, bei denen Shoshi anfing zu weinen. Aber sie verstand. Sie war schockiert und fasziniert zugleich. Die Emotionalität, mit denen ich an meinen Freunden hing und sie an mir, die blutrünstigen Verarschungen in Form von Dans regelmäßigen Schwitzkästen, Jossls Kopfnüssen und den gar nicht so soften Schlägen auf den Hinterkopf seitens Schlomke; all die anderen hinterhältigen ausgeklügelten Hänseleien, die ich zähneknirschend erdulden musste, sie waren die mit Abstand kostengünstigste, intelligenteste und beste Therapie, derer ich habhaft werden konnte. Ich brauchte das.
Der Widerwillen und die Antipathie, die ihr entgegenwehten, musste sie einfach überwinden. Und zeigen, dass auch sie austeilen konnte. Ihr grässlicher Vorschlag die gleichermaßen missratenen Stutengebisse von Dans Mutter und Schwester betreffend, dass man nämlich aus all der überquellenden Zahnfleischmasse hervorragenden Shwarma zubereiten könnte (vergleichbar mit dem türkischen Döner), war bei uns rauhen Gesellen ein riesiger Lacherfolg. Es gibt wichtigeres im Leben, und so ging sie jeden Morgen brav ins Goehte-Institut, um die deutsche Sprache zu erlernen.

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