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Vom kleinen Pippi Rosenzvajk (9)

by Jossi Reich


Was blieb, war die psychosexuelle Misere. So zum Beispiel Shoshis größte Konkurrentin,die rote Couch, die ich Stevie noch vor seinem Unfall für ein Appel und‘n Ei abgeknüpft hatte. Er brauchte Kohle und ich hatte sie. Eine geile Zwischenkriegsproduktion. Nicht unbedingt Art Deco, aber mir ihren sanft geschwungen Zierleisten und ihrem saftigen Rot wäre sie in den 20er oder 30er-Jahren bestimmt jedem Bordell eine Zierde gewesen. Wie oft ich mich, während Shoshi friedlich schnarchte, mit einem unschuldigen Handtuch in der Hand zu diesem erotischen Möbelstück schlich um meine armselige Geilheit leise keuchend aus mir heraus spritzte, um dann endlich einpennen zu können, habe ich nicht gezählt. An Zahl der Ejakulationen hat das Sofa meine Shoshi mit Sicherheit ausgepunktet.
Von der besagten Riva Jakubovicz hatte ich mich mit dem Papiloma-Virus angesteckt, welches sie sich wiederum beim Bumsen mit einem unappetitlichen Türsteher geholt hatte. Die hartnäckig wiederkehrenden Feigwarzen an meinem Penis-Schaft wurden im Nord-West-Krankenhaus immer wieder sauber weg gelasert. Da wir mit den Kondomen nicht richtig aufpassten, steckte sich Shoshi auch an. Glücklicherweise konnte sie schnell geheilt werden, während mein gestresstes psychosomatisches System mich damit bestrafte, dass die widerlichen Dinger circa all vierteljährlich wieder nachwuchsen. Aber auch das ging vorbei. Meine Freunde nannten mich nicht mehr Pippi, sondern Papiloma-Pippi, und Shoshi und ich, wir waren das Papiloma-Couple. Gemein, oder?
Der Bau der Mauer – Verzeihung, will sagen – der gottverdammte Fall der Mauer ausgerechnet an jenem Tag, da sich die Reichskristallnacht zum 51. Male jährte, gab mir den Rest. Der ganze Hass brach über mich zusammen. Diese freudetrunkenen DDR-Teutonen, die immer wieder unbeholfen “Wahnsinn” johlten und unter anderem auch die Frankfurter Innenstadt mit ihren saublöden Trabant-Seifenkästen zuschissen, waren mir schlicht und einfach zuwider. Ich gönnte ihnen ihre Freiheit nicht und hasste mich dafür, weil ich eigentlich ein guter Mensch bin. Für meinen Papa war der Osten noch nicht reif für Liberalismus und Kapitalismus. Er sah Blutvergießen voraus und im Falle des Zusammenbruchs der UdSSR eventuell sogar den Weltuntergang, “Of’m Rojten Platz mis men Gorbatschow oifhengen” meinte er, der ehemalige Kommunist, in seinem krächzenden Jiddisch, und zwar an den Füßen. Der arme Gorbi.
Was ich fühlte, als ich mich dann etwa ein Jahr später im September 1990 am ehrwürdigen Jom-Kippur-Abend mit den Fingerspitzen an einem der Türrahmen in meiner neuen Vier-Zimmer-Altbauwohnung hochzog? Schwer zu sagen. Das Maklergeschäft lief gut und deshalb konnte ich mir etwas besseres leisten. Wir hatten uns in den noch unmöblierten Räumen zu einer kleinen Stehparty versammelt, kifften, soffen und fraßen, während uns unsere goiischen Freunde vergnügt zuschauten, wie wir in vollem religiösen Ernst,kaltblütig und gutgelaunt, die heiligen Regeln des Fastentags brachen. Alle lachten, weil es wirklich ziemlich lustig war, wie ich unsportives und schmächtiges Kerlchen Schimpansen- oder Bergsteigergleich relativ lange an jenem Türrahmen baumelte und dabei Tarzan-ähnliche Urschreie von mir gab. Am lautesten aber lachte das Äffchen. Ihr lustvoll erschrockenes Gekreische übertönte die Anderen deutlich. Oi, wenn ihr Micky – Pippi
nannte sie mich niemals – tatsächlich ein durch den Raum turnender, kräftiger Alpha-Affe gewesen wäre! Vielleicht wäre er dann nicht nur zwei bis dreimal im Monat, sondern zwei
bis dreimal in der Woche über sie, sein Weibchen gekommen, und zwar so, wie es ihrem Geschmack am allermeisten entsprach, nämlich stark, männlich und dominant. Tja, wenn.
Ich zog es weiterhin vor, meinen Leib für die Sünden der Nazis gleich mit zu bestrafen und verblieb, dumm wie ich war, ganz und gar Kopfmensch. Und pervers. Wenn meine Shoshi ab und an mal zu ihrer Familie nach Israel flog, hetzte ich, meist schon auf dem Rückweg vom Flughafen, umgehend in mein geliebtes Bahnhofsviertel, tobte mich dort aus und nachts, endlich wieder allein im Bett, stöhnte und schrie ich beim Onanieren wie im härtesten Porno-Reißer. Ich arme Sau ließ die Sau raus, all das was sich so in mir angesammelt hatte, was ich in mich hineingefressen hatte während all der Nächte, in denen Shoshi neben mir schlief. Und da die Wände in unserem renovierten Altbau nicht die dicksten waren, ich ein freundlicher und kommunikativer Mensch bin und meine Nachbarn daher immer ganz genau wussten, ob Shoshi bei uns in Deutschland oder gerade mal wieder in Israel war, kann es nicht verwundern, dass sie mir seltsame Blicke
zuwarfen.

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