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Vom kleinen Pippi Rosenzwajk (2)

by Jossi Reich

“Kinder, Kinder”, wie wir Deutschen zu sagen pflegen. Ja genau, unsere Kinder und deren brutalisiertes Kino- und Fernseh-Gemüt. Der Schlag mit der geballten Faust in die Visage des Gegners, das aufreizend bedrohliche Hantieren mit der lebensgefährlichen Handfeuerwaffe, die ängstlich hoch gehaltenen Hände des Opfers, der Schuss, der gekrümmte, in sich zusammensackende, seinen Lebensatem aushauchende Leib des Menschen; wie wir alle wissen, sind dies unter anderem die Topics, die unsere Unterhaltungsindustrie dominieren. Anständigen, noch so gewaltlosen Pornographie-Produkten, die wohl als einziges in der Lage wären, dem Monopol gewaltgeiler Ergüsse ernsthaft Konkurrenz zu machen, ist es selbst in unseren, ach so aufgeklärten Neunzigern, aufgrund einer anti-humanen und zurückgebliebenen Gesetzeslage, immer noch nicht gestattet, zu den besten Einschaltquoten-Zeiten in unsere Fernseher zu gelangen oder dem stupiden Begriff  “jugendfrei” gerecht zu werden.
“Pippi! Genug! Geht das schon wieder los?! Halts Maul, Du redest Schwachsinn!”
Das lebensechte Gerammel, aus dem jede einzelne Menschenkreatur nun einmal entstanden ist und welches wir mit dem seltsamen Terminus Geschlechtsverkehr umschreiben, ist auch heute noch irgendwie geheimnisumwobener und auf Bildschirm und Kinoleinwand verbotener als die allgemein üblichen Praktien des Mord- und Totschlags. Bilder von erigierten Penissen, feucht gewordenen Vaginen, aufrecht stehenden Brustwarzen oder heraushängenden Zungen, die die schweißnassen Körper ihrer Liebesobjekte abschlecken und auch nicht davor zurückschrecken, sich an deren Genitalien zu vergehen, sie gelten immer noch als Schweinekram.
Solange die Pornographie nicht aus dem Dunstkreis von billiger Mittelmäßigkeit, Scham und Tabu über endlich fallende mittelalterliche Verbotsschwellen hinweg mit intelligenten Produkten auf den Markt drängt, solange notgeilen, gerade dem Aggressionstrieb etwas entwachsenen, endlich genital gewordenen Kids das Bumsen, das Ficken, das Vögeln, jene wahnsinnig geile Alternative zum infantilen Kaputtmachen in seiner vollen Palette, im lebendigen Multi-Media-Anschauungs-Unterricht dargeboten wird, solange primär das Interesse fürs Killen und nicht fürs Ficken geschürt wird, solange darf es uns nicht verwundern, wenn sich die Bedürfnisse ach so vieler allein gelassener Kids auf gewalttätiges Totmachen konzentrieren und nicht auf gewaltig geiles Leben machen, Kindermachen bzw. das friedvolle, orgiastische Üben dessen.
“Pippi! Genug! Bitte! Aufhören!”
Wir wissen, wie sehr eine Unterdrückung des Sex den Menschen domestiziert und blöd macht, und wie sehr hingegen das voll befriedigende sexuelle Austoben die Kreatur Mensch veranlasst, zu neuen Horizonten vorzustoßen, ergo sich zu bilden. Wissensdurst! Heiliger, daraus resultierender, nicht aufgezwungener, sondern aus sich selbst gewachsener, genuiner Lerndrang! Kapiert, ihr geistig beschränkten Möchtegern-Feministen, ihr Mönchs- oder Nonnenartigen Anti-Sexisten? Nachdem der altkluge Sigmund Freud bei seinem Eindringen in die Psyche hirnverbrannter Wiener Kaffeehaus-Hosenscheißer und deren hysterischer Gattinnen zu seinen revolutionären, das viktorianische Spießbürgertum so schockierenden Einsichten gelangte, müssten wir heutigen Geläuterten eigentlich wissen, dass die Herrschaft des primitiven Aggressionstriebs nur durch die weitaus progressivere Gier nach Sex zu erschüttern ist. Und ist die psychosexuelle Gleichberechtigung nicht erst dann gewährleistet, wenn es genauso viel männliche wie weibliche Nutten gibt? Wenn Scharen überreif gewordener, allmählich ins Seniorinnen-Alter hinübergleitender
Prunkweiber aufrecht und ohne Scham in Männerpuffs gehen und einen Teil ihrer Ersparnisse bei jungen, gutgebauten Sex-Dienstleistern lassen, die mit Massagen und Orgasmus-Treatments die Sehnsüchte ihrer Kundinnen befriedigen und sich so nebenbei was dazu verdienen. Wenn weise gewordene Entscheidungsträger in irgend einer glorreichen Zukunft einsehen, dass der Staat selbst die Bordelle betreiben muss, um skrupelloser Zuhälterei, Gewalt, Ausbeutung, Menschenhandel und Demütigung Einhalt zu gebieten. Wo junge Frauen faire Geschäftsbedingungen und psychosoziale Betreuung vorfinden, die beim Ausstieg aus der Prostitution helfen, sofern dies irgendwann mal gewollt ist.
“Pippiiiiiiiii!” Schon eine ganze Zeitlang schrien sie in mein taubes Ohr und erst jetzt halte ich inne.
“Pippi, du quasselst schon wieder zu viel Scheißdreck!”

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