11F; mein Sitzplatz. Neben mir dieser schwere Mann, verharrt zwischen den Armlehnen wie in einem Käfig, die Hände breit geöffnet auf seine Oberschenkel gelegt, bewegungslos, die Finger liegen einzeln, jeder für sich, ohne Zusammenhang. Ich versuche den Mann im Profil zu sehen, sitze aber zu nah für einen zufälligen Blick, es kommt zu Augenkontakt; ein unverbindliches Lächeln und ich drehe mich sofort wieder zum Kabinenfenster, presse die Stirn mit Druck gegen das ovale Kunststoffglas.
Selten nur gelingt es mir, das Alter anderer Menschen richtig einzuschätzen. Schätze ich fünfundvierzig, erwähnt der eben Getroffene beiläufig, er sei vierunddreissig. Der umgekehrte Fall; ich schätze eine Frau auf Anfang vierzig und sie kokettiert dann mit ihren achtundfünfzig Jahren. Den schweren Mann schätze ich auf Mitte vierzig. Es sind seine Schuhe; sie sind mir aufgefallen, als er den engen Kabinengang entlang kam. Ich sass schon, hatte zu Boden gestarrt um nicht in die Gesichter der einsteigenden Passagieren zu blicken. In diesem Gedränge von sich bückenden und streckenden Körpern, die ungestüm schwere Taschen und ärmellampende Jacken in die Gepäckfächer über den Sitzen hievten und dabei den Weg versperrten, hatte ich die Schuhe gesehen, Turnschuhe wie sie Männer Ende vierzig tragen. In ihren Augen sind es jugendliche Turnschuhe, in den Augen der Jugend sind es Schuhe von Vierzigjährigen. Er stand neben meiner Sitzreihe, hatte sein Handgepäck verstaut, eine bunte Zeitschrift in die Rücktasche des Vordersitzes gesteckt und ich nickte ihm zu, als hätte er gefragt, ob der Sitzplatz neben mir frei sei.