#60
 
 

Zürich?

by Clemens Tissi

 

K. mag Zürich nicht.

Bereits die Ankunft am dortigen Flughafen sei ihm ein Gräuel; Grüezi in riesigen Lettern über einer Fototapete; Kühe, Berge, Milchkannen. Trotziges Beharren auf Andersartigkeit, Lokal- kolorit bei gleichzeitig übermässigem Dazugehörigkeits- wunsch zur weiten Welt.

Ich kenne K.s eigentliches Leiden an Zürich; nämlich seine Grossmutter ist dort geboren. Als uneheliches Kind. Die Mutter aus Süddeutschland war in Zürich bei Herrschaften in Diensten und da muss es geschehen sein… Mit einem frischgeborenen Säugling kehrte die junge Magd zurück in das Dorf ihrer ländlichen Heimat, wo das Kind (K.s Grossmutter) heranwuchs, beliebt wegen seiner stummen Demut ohne Anspruch auf gesellschaftliche Anerkennung. Vergilbte Fotos zeigen eine schöne junge Frau mit ängstlichem Blick. Auf alle Fragen die Grossmutter betreffend, hat K.s Vater stets ausweichend geantwortete. Als K. eines Tages in einer Kartonschachtel ein Foto fand, auf dessen Rückseite ein Name, womöglich der des heimlichen Erzeugers, geschrieben stand, beantwortet der Vater gar keine seiner Fragen mehr. Nur betonte er nun bei jeder Gelegenheit, wie sehr er seine Mutter geliebt habe, als vermeide diese Zuneigungsbekundung jede Frage nach deren und in gewisser Weise auch seiner eigenen Herkunft. Was also als Stammbaum genügen musste, waren die italienischen Wurzeln eines Mannes, der die uneheliche Tochter als Magd bei Bauern in dem süddeutschen Dorf kennenlernte, wo er auf Wanderschaft aus den Dolomiten Arbeit als Maurer gefunden hatte und mit der schweigsamen Schönheit drei eheliche Söhne zeugte. Einer davon ist K.s Vater. Jener Mann in Zürich aber, aus grossstädtischen Verhältnissen, leiblicher Vater der unehelichen Tochter, also K.s Urgrossvater, blieb ein Geheimnis für immer. K. quält ein Gefühl ihm verweigerter Verbindung zu Zürich. Er empfindet Zurückweisung durch die Stadt. Wo andere die weite Pracht des Zürichsees preisen, je nach Wetterlage im Hintergrund plötzlich sichtbar ein Alpenpanorama von atemberaubendem Ausmass, sieht K. nur die schwarze Tiefe des Sees. Keine Häuserecke, keine Strasse, die verbunden mit dem Namen des Kindsvaters in dieser Stadt einen Ort ergäbe, der K. Heimatbindung erlaubte. Immer wieder hat er die rückseitig beschriebene Fotografie gesucht; sie blieb verschwunden. Seinen Vater nach dem Verbleib dieser Fotografie zu fragen wagte K. nicht. Er suchte weiter; in Kisten und Schachteln, in Schubfächern und zwischen Büchern.

 

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