Meine Großeltern hatten ein Haus im Tessin. An manchem Sommerabend habe ich mit meinen Eltern am Fenster im Wohnzimmer dieses Hauses sitzend grelle Blitze in graubraunem Himmel zwischen schwarzen Felsen beobachtet und bin beim Knall, der unmittelbar auf den Blitz folgte, zusammengezuckt; das Gewitter war nah, der Regen [more]
http://www.youtube.com/watch?v=hnm8O1I9XGY
Die Kamera meines Iphone ist mit mikroskopisch kleinen Fuseln verunreinigt, glaubte ich. Tatsächlich sind es rosa Vögel. Reisen mit, fliegen neben her, überqueren den Atlantik, zehntausend Meter über Eisschollen.
Am 1. April 1944 wurde der Bahnhof der Schweizer Stadt Schaffhausen durch die US Air Force bombardiert. Ein Versehen; darauf einigte man sich auf beiden Seiten. Der Bahnhof war halb Schweizer Bahnhof, halb Deutscher Bahnhof und in mancher Nacht hatten deutsche Züge (beladen auch mit Waffen) den [more]
Meine erste Erfahrung mit Leben als Katastrophe; als Karlheinz, der Sohn von Freunden der Familie, mit Gudrun, die er Tage zuvor seinen Eltern als Braut vorgestellt hatte, beim Schlittschuhlaufen einbricht im dünnen Eis des zugefrorenen Sees. Die Sonne blendete in der spiegelnden Weite, schwarzblaues Wasser an der [more]
Es werde schon seit längerem verwendet, mir aber ist es erst heute aufgefallen; das neue Logo der Staatlichen Museen zu Berlin. Ein Logo soll mittels einer Assoziationskette die schlüssige Umsetzung eines Namens oder einer Tätigkeit oder einer Institution sein. Was ist da grafisch Umgesetzt und welche [more]
Unsere Nachbarn hatten schon 1969 ein Fernsehgerät. Im Sommer jenes Jahres sass die halbe Nachbarschaft vor dem Gerät und sah zu, wie einer als erster Mensch verkleidet von einer Leiter hinab auf den Mond sprang. So richtig habe ich es nicht begriffen. Aufregend aber war die Aufregung [more]
1997; mein zweiter Sommer in Berlin und der Wunsch nach einem Sommerhaus im Umland wird zur fixen Idee. Ich bin Architekt, leide unter ständigem Entwurfszwang. Anstatt endlich ins erfrischend kühle Nass zu tauchen, stehe ich bis zu den Knien im Schlachtensee und sehe mir auf die andere [more]
Mein drittes Auto war mein schönstes Auto. Ein schwarzer Alfa 164 3.0 V6, Baujahr 1989. Fuhr ich allein, lag auf dem Beifahrersitz ein CD Player, mit dem Radio verbunden durch einen Cassettenadapter. Manchmal habe ich im Auto geraucht und die CD im Player auf dem Beifahrersitz gewechselt, [more]
K. mag Zürich nicht. Bereits die Ankunft am dortigen Flughafen sei ihm ein Gräuel; Grüezi in riesigen Lettern über einer Fototapete; Kühe, Berge, Milchkannen. Trotziges Beharren auf Andersartigkeit, Lokal- kolorit bei gleichzeitig übermässigem Dazugehörigkeits- wunsch zur weiten Welt. Ich kenne K.s eigentliches Leiden an Zürich; nämlich seine [more]
– LED in Zusammenhang mit Leuchten, Weihnachtsdekoration etc. – Richard Wagner. – Leni Riefenstahl; ich find die Aufnahmen so toll…(gefolgt von einem Satz, der das Wort „unpolitisch“ enthält). – Von Jahr zu Jahr grösser werdende Sofas; sie wachsen in die Breite und in die Tiefe und werden [more]
Mit seinem Tod schliesst eine Epoche ab; man liest es oft, wenn einer gestorben ist, der lange gelebt hat, auch in der Öffentlichkeit und nicht unpolitisch. Mit seinem Tod schliesst eine Epoche ab, die Tage habe ich es gelesen, geschrieben unter das Fotos eines Mannes mit Orden [more]
Meine Grosstante Filomena sass auf einer Bank unter dem Kaminsims Tag für Tag und schwieg. Im Sommer sass sie vor der leeren Feuerstelle, im Winter schob sie mit einer Eisenstange das glimmende Kastanienholz zurecht. Filomenas Feuer brannten einzigartig. Brach sie ihr Schweigen, so vernahm man den längst [more]
Die Firma Vitra, Möbelherstellerin und Hüterin des verfeinerten Retrogeschmacks, ist anscheinend auch auf dem Gebiet der Masslosigkeit ganz weit vorne. Der Lounge Chair von Eames zum Beispiel ist in drei verschiedenen Grössen erhältlich. Aus gross wird klein wird übergross; ein wahrer Hexensabbat an Wahrnehmungstäuschungen. Die Masse eines [more]
Geht mein kindlicher Traum in Erfüllung? Die online Ausgabe der Zeitschrift Monopol berichtet in einem Artikel vom 21.11. über Querelen am Bauhaus in Dessau, dass der Kurator für Architektur und Design des MoMA Philip Johnson einen offenen Brief zugunsten des wackeligen Leiters des Bahauses Dessau unterzeichnet habe. [more]
Auf dem Grundstück Oriole Road Nummer 18 in Toronto stand eine weisse Eiche (white Oak). Sie war 200 Jahre alt. (Wie viele Blätter eine 200 Jahre alte weisse Eiche hat ist mir unbekannt.) Der Baum ragte weit über das rote Backsteinhaus, hob riesige Gehwegplatten aus massivem Stein, [more]
Und dann hört man den Satz; er war ganz und gar kein politischer Mensch. Gesprochen in der Eröffnungsrede einer Ausstellung von Arbeiten eines Grafikers, der 1938 in Deutschland Plakate entwarf, auf denen auch (aber doch ganz klein nur) Hakenkreuze zu sehen sind. Gesprochen in einem Museum von [more]
Die englische Bildhauerin Rachel Whiteread hat 1993 in London ein Haus ausgiessen lassen mit Beton. Das ursprüngliche Haus, zur Gussform geworden, wurde niedergerissen. Übrig blieb das, was zuvor der Innenraum des Hauses gewesen war, jetzt in Beton. Erinnerung als Gegenstand. Für die Pieta hat sich Michelangelo [more]
Eine über hundert Jahre alte kanadische Eiche hat 800000 Blätter. Erst Knospen im Frühling, entwickeln sich die Blätter, belauben den Baum im Sommer und fallen im Herbst. Alle 800000. Nicht von einer Minute auf die andere, sondern innerhalb mehrer Tage. Die Beetrose Professor Sieber der Rosenzüchterei Kordes [more]
Selbstverständlich kommt man ab und zu nicht darum herum, eine alte Meinung (seine eigene Meinung) zu korrigieren. Man hat nicht weit genug gedacht, oder übers Ziel hinaus geschossen, oder nicht mit allen Eventualitäten gerechnet. Bei 60 Pages besteht dank der 60 Tage genügend Zeit, so eine Korrektur [more]
Louis Kahn behauptete, den Backstein zu fragen; was willst du sein, was kannst du. Trotz solcher Poesiekrücken hat er wunderbare Gebäude geschaffen; schwer und doch leicht. Die Single a Whiter Shade of Pale von Procul Harum lag einen heissen Sommertag lang auf dem Beifahrersitz des alten Rovers [more]
Ende Oktober 1982 war ich, wie noch viele Male danach, an der Oriole Road in Toronto. Wenige Wochen zuvor war Glenn Gould gestorben. Seine Wohnung (eine seiner Wohnungen) lag um die Ecke, in der St. Clair Avenue, auf meinem Weg zur U-Bahn; Yonge Street at St. Clair [more]
Jahre bevor das Opernhaus la Fenice niederbrannte, umgeben von den Lagunen Venedigs, stand er, über eine enge Seitentreppe nach oben geschlichen, direkt unter dem Dach des Konzertsaales in einem engen Technikraum, sah durch den Spalt einer geöffnete Türe hinab in das helle Licht der Bühne und hörte [more]
Es kann vorkommen, dass für Augenblicke während des Abbruchs eines Hauses, Architektur entsteht.
Der Kellner sagt; Claude, how are you. Beth, you look great. Die beiden bestehen darauf; ich soll mir etwas aus der langen Vitrine aussuchen, wollen selber aber nichts essen. Das Gebäck sei köstlich, wiederholen sie mehrmals. Als ich vor der Vitrine stehe zeige ich blind auf ein [more]
Vorbei an Lichtenberg, auf gerader Strecke. Im Kofferraum Sedum und Wisteria, Für dieses Jahr das letzte Grün, das ich vergrabe.
Neben mir steht jener Mann, den ich auf der anderen Strassenseite aus einem Wagen hatte steigen sehen ohne ihn weiter zu beobachten, denn gewartet habe ja ich auf einen Wagen in der Hotelvorfahrt. Sein Gang ist unsicher und langsam, das war mir aufgefallen. – Kommen sie, meine [more]
Am Telefon sprach er zuerst Englisch, dann sprach er deutsch. Das irritierte mich. Wir verabredeten uns für Donnerstag. – Hier in Boston liegt Schnee seit letzter Woche, wann sind sie angekommen? Er werde mich mit dem Wagen abholen, darauf bestand er trotz meterhoher Schneehaufen beidseitig der Strasse. [more]
Vier Pappeln sind zu sehen von weitem, stehen auf dem Grundstück, am Ufer zum Kanal. Der Westwind biegt die Pappelspitzen parallel. Strassennamen gehen verloren; zwischen den Jahren, in alle Himmelsrichtungen, nach einem Krieg. Luisenstrasse 16. Der Name des Kanales ist geblieben; Kalkgraben. 1927 fuhr ein Dampfschiff auf [more]
Was das heutige Berlin ausmacht (nein; ausmachte), ist die Präsenz des Nichts. Die Leerstellen, das Dazwischen. Es fällt mir wieder auf, sehe ich die Luftaufnahme der Alibar im Pick von Sandra Bartoli. Auch diese Leerstelle soll bald verschwinden, aufgehen in vermeintlich städtebaulichem Sinn. Eine Art reziproke Proportionalität; [more]
Schnell ist man sich einig (drei Stockwerke über der Karl Marx Allee): Die Berliner Baubestimmungen, nach der Wiedervereinigung um 1991 aufgestellt, waren ein Versuch, die Moderne zu eliminieren. Was die Zeit zwischen 1933 und 1945 nicht geschafft hat; jetzt sollte es doch noch gelingen. Steinfassade, Lochfassade, Traufhöhe, [more]
Die Häuser meiner Kindheit verschwinden; hinter Isolationsplatten, unter Stoyropor. Ich stehe nach Jahren plötzlich als Fremder auf dem Bürgersteig des Dorfes; der grobe Putz am Gemeindehaus ist verschwunden. An diesem Putz habe ich mir die Fingerknöchel blutig gerieben. Hinderlich waren die Wundpflaster beim Geigenspiel; der Bogen, kaum [more]
11F; mein Sitzplatz. Neben mir dieser schwere Mann, verharrt zwischen den Armlehnen wie in einem Käfig, die Hände breit geöffnet auf seine Oberschenkel gelegt, bewegungslos, die Finger liegen einzeln, jeder für sich, ohne Zusammenhang. Ich versuche den Mann im Profil zu sehen, sitze aber zu nah für [more]
Ein Nachruf ist die legitime Reflexion über die Wirkung eines Einzelnen auf die Dynamik einer Gruppe von Vielen. Die Wirkung des Einzelnen auf einen Einzelnen betrifft die Vielen nicht, das ist privat, intim oder uninteressant. Nun sind aber die sozialen Netzwerke voll von solchen individuellen Äußerungen, kaum ist [more]
Noch einmal Le Corbusier: 19 Sommer bevor er in der Bucht vor Roquebrune ertrank, hat er sich oberhalb dieser Bucht auf des Grundstück von Eileen Grey geschlichen, mit Farbtöpfchen und Pinsel, aber ohne Unterhose. Die eine oder andere Wand des Hauses E1027 von Eileen Grey dünke ihn etwas [more]
Eines Tages war er verschwunden; ein Freund, Architekt im Tessin, mit Lehrauftrag in Amerika, Publikationen in dieser und jener Fachzeitschriften, ein von vielen Kollegen geachteter Entwerfer. Zu einem Geschäftstermin am Vormittag war er nicht erschienen und kehrte auch am Abend, von seiner Frau in zunehmender Spannung erwartet, nicht [more]
Den Kopf schräg angelehnt sitze ich unbequem verdreht seit zehn Minuten regungslos. Die Vibrationen des Flugzeuges übertragen sich auf meinen Schädel, in den Nacken, verlieren sich in der Wirbelsäule. Vor dem einen Auge, dicht an der Kabinenverkleidung, verschwommen ein Karomuster. Mit dem anderen Auge sehe ich durch das [more]
Nun soll also in Berlin, nach dem „upper Eastside“, diesem feuchten Grossstadttraum in Stein, auch ein „upper West“ entstehen. Am Breitscheidplatz, wo bis zu seinem Abriss das Schimmelpfeng Haus stand. Was ist von Stadtbebauern in Berlin zu halten, die ihre Gebäude „upper Eastside“ und „upper West“ nennen, mit [more]
Niccolo Paganinis Geige hängt in einem Glaskasten im Palazzo Tursi in Genua. Il Cannone. Es war seine Lieblingsgeige. Ab und zu wird sie aus dem Glaskasten genommen und gespielt. Die meisste Zeit aber hängt sie da unberührt. 1840 ist Paganini in Nizza gestorben. Auf dieser Geige hat er das Caprice Nummer [more]
Le Corbusier hat gezeichnet, vornübergebeugt, mit einem Stück Holz, in den Sand am Strand von Long Island. Die Zeichnungen sind verschwunden im Meer, bei der nächsten Flut, nach wenigen Stunden. Le Corbusier hat Amerika nicht gemocht. Betrogen fühlte er sich und bestohlen um ein Projekt; nämlich es [more]
Charles Gwathmey hat Modelle gebaut und Alvaro Siza, Luigi Snozzi und Don Hisaka, Philip Johnson und Peter Blake. All die Architekten haben Modelle gebaut; aus Pappe, aus Holz, aus Knetmasse. Sie haben ganze Häuser modelliert, oder Details von Häusern. Auch Baukörper, klein in einer Landschaft mit Bäumen aus [more]
Heute noch spricht Eric Koch ein wunderbares Deutsch. Wenn wir zum lunch sitzen bei Patachou, 1120 Young Street in Toronto, erzählt er mir in diesem Deutsch aus seiner Gegenwart. Und wie es zu der Gegenwart kam.
40 Sommer lang stand das Haus Lieb der Architekten Venturi und Rauch in Loveladies Long Beach New Jersey auf sandigem Grund. 1969, ein Jahr nach dem heissen Sommer 68 erbaut, stand es da inmitten einer Ansammlung namenloser Strandhäuser, die erst als Nachbarn dieses Hauses Lieb in ihrer [more]